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Täubchen, mein Täubchen…

Nur die Liebe zu den Tauben war schon da.

Und der Hass auf sie.

25 Jahre sind vergangen, seit Veröffentlichung dieses Textes im ANIMAL PEACE Magazin, geschrieben in Liebe zu den Tauben und im Schmerz über ihre Verfolgung. Und nichts hat sich in der Jahren verändert. Heute könnte ich noch vieles über die Tauben selbst schreiben, über ihre Wahrnehmungsintelligenz, die die des Menschen weit übertrifft, ebenso, wie ihre Fähigkeit zum Multitasking. Dass sie die Relativitätstheorie von Einstein verstehen, ein phänomenales Gedächtnis haben, Rechtschreibung beherrschen und ein Kunstverständnis besitzen wie es nur Experten unter den Menschen vermögen. Damals war das alles noch nicht bekannt. Nur die Liebe zu den Tauben war schon da. Und der Hass auf sie.

Ethnische Säuberung. Sie kommen nach Hause und finden die Haustür vernagelt. Gitter davor. Sie versuchen trotzdem in das Haus zu kommen, das die Familie schon seit Generationenbewohnt. Irgendwo findet sich noch ein Durchschlupf – aber Stühle und Lagerstätten sind mitspitzen Spikes beschlagen wie Fakirbretter. Sie müssen sich dennoch irgendwo ausruhen – und schon bohrt sich ein eiserner Stachel in den Körper. Sie versuchen sich in Panik zu befreien, doch der Stachel bohrt sich umso tiefer ins Fleisch. Sie können nicht vor und zurück, verhungern und verdursten. Langsam.

Eine Horrorvision, ein Alptraum. Für Sie. Buchstäbliche Realität aber für sie, deren Martyrium hier beschrieben ist: die Tauben. Die Idee, mit denen die sogenannte „Taubenvergrämung” (was für eine Wortschöpfung!) in die Tat umgesetzt wird, sind wahrhaft infernalisch. Außer den Nagelbrettern an Dächern und Fenstern, die auf ihren Sitz-und Schlafplätzen, auf Simsen und Leuchtreklamen, angebracht werden, gibt es zum Beispiel auch Netze. Sie schmücken zunehmend unsere Städte. Besonders hübsch anzusehen, wenn tote Tauben in ihnen liegen, verwesende kleine Leichname, von denen sich erst einige ansammeln, bis sie jemand wegräumt. Um Platz zu machen für neue. Der Anblick gewinnt noch an Delikatesse, wenn es sich um Kirchen handelt. Kaum noch zu überbieten ist die ästhetische und religiöse Erhebung, die den Bewohnern der Stadt München vor kurzem geboten war: Die Kirche zum Heiligen Geist im Zentrum der Stadt, liebliches Barock, mit Nylon vernetzt, in dem die toten Vögel im Wind geschaukelt wurden. Und darüber in Stein der Heilige Geist: In Gestalt der Taube; Eine schneeweiße Taube hatte sich so hoffnungslos im Netz verkrallt, dass sie mit ausgebreiteten Flügeln hängengeblieben und gestorben war. Als hätte sie Modell gestanden für den Geist, der sich in dieser Kirche verkörpern soll — und stattdessen zu ihrer Todesfalle umgerüstet worden ist.

Manchmal kommt eine aus dem Todesnetz wieder heraus, aber es kann sein, dass es dabei den Fuß verliert. Oder soviel Schnur mit sich zieht, dass die sich um Zehen und Beinchen wickelt, bis die Gliedmaßen absterben. Dann heißt es, sich sein Essen auf dem Bauch kriechend suchen oder hinkend mit rohem Beinstumpf, Schmerzen bei jedem Schritt. Das kann ziemlich lange dauern, der Kreislauf von Hunger und Schmerz, vielleicht Monate.

Manchmal decken die freundlichen Mitbewohner den Taubentisch auch mit Gift oder Glassplittern. Oder: der Bürgermeister persönlich; wie in einer fränkischen Kleinstadt geschehen,gießt 80%igen Schnaps aufs Körnerfutter, damit die Vögelchen betäubt umfallen und dann per Genickbruch von Hand erledigt werden können. (In diesem Fall geriet das Mörderspiel freilich glücklicherweise zum Schildbürgerstreich — die Tauben schafften es noch zur Dachrinne hinauf und schliefen dort ihren Rausch aus.)

Außerdem gibt es noch klebrige Pasten, an denen die Tauben im Umfeld ihrer angestammten Behausungen haften bleiben. Oder Chloralose, die, arglos am angestammten Futterplatz aufgenommen, hilflos-flugunfähige Geschöpfe zurücklässt, die vor Morgengrauen aufgesammelt und entsorgt werden. Zuweilen als Frühstück für eingesperrte Zootiere. Auch Jäger dürfen gelegentlich ihre Schießkünste mitten in der Stadt an deren alt eingesessenen Bewohnern üben. Das ist ein bisschen aus der Mode gekommen, weil es doch zu viele Leute gab, die sich darüber aufregten. Und weil vielleicht auch mal ein kostbares Menschenwesen dadurch gefährdet werden könnte.

Die Stadt Essen hat es sich aber noch im Februar 1996 getraut und an vier Wochenenden 200 (!) Jäger losgeschickt, um Elstern und Tauben den Tod im Morgengrauen zu bringen. (Unter anderem mit der bis dato ungehörten Begründung, „Tauben würden sich auf Eier anderer Vögel stürzen“… So aberwitzig diese Behauptung ist, so verräterisch ist sie auch: Sie spekuliert in gut rassistischer Tradition darauf, dass der Mensch entscheiden kann, welche Vögel er gerade mag und welche anderen dafür sterben müssen.) Übrigens ist die „konzertierte Aktion?“ der rundlichen Umweltreferentin Eva-Maria Krüger (im Konzert, wen überraschts, mit der Unteren Jagdbehörde) wohl nicht allzu erfolgreich gewesen, da sich ausreichend Tierrechtler ebenfalls zu einem Morgenspaziergang aufgemacht hatten. Und eine Strafanzeige gegen das Konzert wurde auch noch erstattet.

Überhaupt geschieht dies alles im Geltungsbereich des deutschen Tierschutzgesetzes. In dem es heißt, dass Tieren ohne vernünftigen Grund keine Leiden, Schmerzen oder Schäden zugefügt werden dürfen. Es geschieht offen, unter den Augen der Gesetzeshüter, ja, unter Billigung, wenn nicht gar auf Initiative der Stadtregierungen. Dass es nichts desto trotz gesetzwidrig ist, zeigt sich schon daran, dass die gesetzestreue städtische Feuerwehr in jedem Fall anrückt und eine Taube aus dem Netz befreit, wenn sie von Tierschützern gerufen wird. Oder von Bürgern, die es schlechterdings nicht normal finden, dass sich vor ihren Augen ein Tier zu Tode quält.

An diesen von Humanität angefressenen Bürgern ist bisher auch noch jede Maßnahme der Behörden gescheitert, mit Schießeisen und Gift die ethnische Minderheit aus der Stadtluft zu vertreiben. Auch die glanzvolle Erfindung der Taubenpille erwies sich als Flop, da die Täubchen nicht nach Geschlechtern getrennt ihre Mahlzeiten einnehmen und die Täuberiche elend unter Krämpfen zugrunde gingen. (Als die Pille noch Rettung aus höchster Not versprach, verdiente manch eine Pharmafirma noch nett an dem Geschäft.)

Und noch etwas machte den vernichtungs- und vertreibungssüchtigen behördlichen Sauber-männern einen Strich durch die Rechnung; Die Biologie. Da hatte man nun Tausende von Taubenerschossen und vergiftet und sonstwie umgebracht — und im nächsten Jahr war alles wie vorher. So ist das nun mal mit der Populationsdynamik freilebender Tiere. Sie beugt sich einfach nicht menschlichen Wahnideen und füllt auf raffinierte Weise die dezimierten Bestände wieder auf. Da hilft nur die Totalvernichtung —und zu der hat man sich nun mehr auf den Weg gemacht.

Das sagt man allerdings nicht so. Es hört sich nicht so gut an. Und schließlich wollen offiziell alle, „dass die Taube dem Stadtbild erhalten bleibt.’’ Als Dekoration. Man nennt es also nicht Vernichtung, sondern Dezimierung, was zur Zeit als neuer Modewahn durch die Behörden geistert. Hier und da schon eingeführt, in Bayern frisch auf den Weg gebracht, wird die Quadratur des Kreises auf „humanen Weg“ erprobt: Man erlässt Fütterungsverbot. Wer eine Handvoll Reis streut, macht sich strafbar! Auch wer „fahrlässig“ ein paar Semmelbrösel fallen lässt, muss mit Bußen rechnen. Und jeder, der seinen Nachbarn denunziert; der eine gewohnheitsmäßige Verbrecherin, die Hungernden zu essen geben wagt, zur Anzeige bringt, darf sich des Wohlwollens der Obrigkeit sicher sein. Hei, es brechen herrliche Zeiten an für die stets bereiten Liebhaber des Volkssports Denunziation! Schon jetzt wird beschimpft, beleidigt und bedroht, verfolgt, provoziert und zusammen geschlagen, wer sich durch Futtergaben zu den Verfemten bekennt. Die Opfer sind fast immer Frauen, vielfach ältere Frauen, an denen der Pöbel —mit Rückenwind von oben — seine niedrigen Instinkte auslässt. Schmähende Wortspiele mit „Vögeln?” sind beliebt, beliebt auch, mit dem ‘Fahrrad durch friedlich-pickende Taubenschwärme zu sausen und sich an dem hilflosen Zorn der Futtergeberin zu weiden.

Wie ist das alles gekommen? Jahrtausendelang leben Tauben in den Städten der Menschen, jahrtausendelang galten sie als heilig. In den ältesten Schöpfungsmythen ist die Taube die Schöpfergottheit, im Hohelied Salomons wird ihre Schönheit als Metapher benutzt, im Heiligen Geist ist sie verkörpert, sie bringt Noah den Friedenszweig, Gottes Sinnbild der Versöhnung, die Taube war der heilige Vogel der Venus, heilig den Ägyptern wie den Sumerern. Und noch heute gilt sie als Symbol für Liebe, Sanftmut und Frieden. Bei Olympiaden und anderen völkerverbindenden Festlichkeiten, bei feierlichen Anlässen verschiedenster Art werden Taubenschwärme unter dem Jubel des Publikums in die Lüfte entlassen. Nur leben dürfen sie nicht.

Dem von langer Hand geplanten Vernichtungsfeldzug geht eine systematische, PR-mäßig professionell betriebene Taubenhetze voraus. Und im Namen aller profanster Spießerinteressen — der von Taubenkleksen verschonten Balkone und Dachrinnen, der sterilen Sauberkeit hässlicher Rathäuser und stupider Bankfassaden — den Schlag gegen die alte Gottheit führen zu können, musste sie erst einmal gründlich verleumdet werden.

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Verleumdung Nr. 1
Die Tauben verbreiten Krankheiten. Dass es dafür keine Beweise gibt, darf dabei großzügig übersehen werden. Zum Beispiel die Auskunft des Gesundheitsamtes München vom 22.11.1995: Seit 1983 ist keine einzige auf Tauben zurückzuführende Krankheit bekannt, (vorher kam man nicht einmal auf so eine Idee). Solche Auskünfte gibt es auch von den Gesundheitsämtern Frankfurt, Düsseldorf, Essen und von überallher, wo man anfragt; auch vom ehemaligen Bundesgesundheitsamt. Bestenfalls wird im Konjunktiv von dem einen oder anderen sich wichtig machenden Mediziner eine vage Übertragungsmöglichkeit irgendwelcher Zoonosen in den Raum gestellt — Wahrscheinlichkeiten, die etwa so groß sind wie die, auf einer Bananenschale auszurutschen und nennenswerte Verletzungen davonzutragen. (Die Forderung deswegen den Bananenimport zu verbieten, wurde noch nicht laut.)

Macht nichts, eine Verleumdung muss nur oft genug wiederholt werden, dann glaubt sie schließlich auch der Letzte. Wir halten fest: Uns ist es nicht gelungen, auch nur von einem einzigen Fall einer Erkrankung durch Tauben(kot) konkret Kenntnis zu erhalten. Wir fordern hiermit Ärzte und Funktionäre auf, Belege für die angeblichen Krankheitsübertragungen von Tauben auf Menschen zu liefern. Umgekehrt sind uns viele Personen bekannt, die Taubenwirklich körperlich nahe kommen, nämlich solche, die sich der verletzten Tauben annehmen und sie gesundpflegen. Von denen ist noch nie jemand durch seine Schützlinge krank geworden.

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Verleumdung Nr. 2
Die Tauben zerstören die Substanz mehr oder weniger wertvoller Gebäude. Das angefragte Referat für Stadtplanung und Bauordnung der Landeshauptstadt München wusste darüber erstaunlicherweise gar nichts. Es wandte sich hilfesuchend an das Bayerische Landesamt für Denkmalspflege, und da tröpfelt es nur. Immerhin lieferte dieses Amt schriftlich die Aussage, die die Taubenfreunde schon lange — unerhört — der verhetzten Öffentlichkeit zu vermitteln suchen. Wörtlich: Der Behauptung, dass „Beeinträchtigungen“… „auf einen direkten Angriff durch etwaige aggressive Inhaltsstoffe der Exkremente beruhen“ widerspricht „die Tatsache, dass der PH-Wert der Ausscheidungen im neutralen bis schwach sauren Bereich — typische PH-Werte ph6 bis ph 6,5 — liegt. Der Taubenmist enthält demnach keine starken Säuren oder Laugen. Es ist deshalb auch verfehlt, von einem Säureangriff auf Materialien zu sprechen.“

Na also. Man kann es sicher schöner sagen, aber nicht besser. Das Amt fährt dann fort, dennoch eine „indirekte Schädigung“ anzunehmen, und da wird die Auskunft zur Satire. Halbwegs brauchbar für die Taubenfeinde ist lediglich die Behauptung, der Phosphatgehalt der Taubenausscheidungen „begünstige“ die Besiedelung der Materialien mit Mikroorganismen, deren Stoffwechselprodukt ihrerseits „schädigende“ Wirkung auf „die Materialien“ hätten. Na, da muss eine alte Oma aber lange stricken, bis sie da ankommt. Wir werden weiterforschen, was für Schadwirkungen und auf welche Materialien das wohl sind, längstens bis zur nächsten Kehrtwende bei den „Fachleuten“, deren Wendehälsigkeit ja hinreichend bekannt ist in allen „Experten“bereichen.

Zur Lachnummer geraten die übrigen „indirekten Schädigungen“ – da sind nämlich durchweg nur Schädigungen angeführt, die durch die Taubenabwehr entstehen. Nämlich zB. dadurch, dass „betroffene Denkmäler“ wegen der „Geruchsbelästigung“ (Taubenkot ist, nebenbei bemerkt geruchlos) mit aggressiven Methoden gereinigt werden. Oder dadurch, dass „schmierige Konsistenzen sogenannter Taubenpasten“ Dauerschäden hinterlassen oder zusätzliche Bohrungen für Taubenstifte, Taubennetze etc. erfolgen. Die Lösung dieser Probleme liegt auf der Hand: Mit der paranoiden Taubenabwehr einfach aufzuhören.

Aber doch noch ein Schelmenstück aus dem (ernst gemeinten) Schreiben des Denkmalamts: „Hierarchische Strukturen in Taubengruppen führen dazu, dass strategisch günstige Punkte wie z.B. Köpfe von Denkmälern häufiger aufgesucht werden und stärker verschmutzt sind als z.B. ein Fußgängerweg.“ Es folgt die (immer wieder von den Münchner Zeitungen als — offenbar einziges — Beispiel aufgetischte) tragische Geschichte vom Max-Joseph-Denkmal, dem 60 Kilo Taubenkot abgekratzt werden mussten. Verborgen bleibt uns, nach wie vielen Jahren oder Jahrzehnten Max Joseph mal wieder geputzt wurde. Jeder muss sich schließlich ab und zu waschen. „Der Hohlraum unter dem Thron des Max Joseph war von den Tauben als Nistplatz benutzt worden.“ Welch ein Sakrileg! (Weiß zufällig jemand, wer Max Joseph war?)

Das Denkmal des römischen Kaisers Marc Aurel steht immer noch in Rom. Irgendwie hat der Kaiser die Hunderte von Hunderten Generationen Taubenüberlebt. Und auch die gotischen Dome, ebenso wie die barocken Kirchen durch die vielen Zacken und Vorsprünge beliebte Taubenwohnsitze, ragen seit dem Mittelalter bzw. dem Barock in den Himmel, die ägyptischen Pyramiden halten der „Taubenplage“ seit den Pharaonen stand. Jetzt, wo Auto- und Industrieabgase den Sauren Regen erzeugt haben, der die Gebäude rapide zersetzt, wird plötzlich die Taube als angebliche Schadensstifterin entdeckt. Es wäre zum Lachen — wenn es nicht den verleumdeten Täubchen an den Kragen ginge.

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Verleumdung Nr. 3
Die Tauben vermehren sich ins Uferlose. Nur dass es keine verlässlichen Zählungen gibt. Der bayerische Landesbund für Vogelschutz (von Tierrechtlern schon lange in „Landesbund für Vogelmord“ umgetauft), ein von Jägern durchsetzter und eiskalt ökobürokratisch orientierter privater Verein, der sich wie ein offizielles Institut gebärdet und gegen Bezahlung Gutachten liefert, wie sie das anthropozentrische Spießer- und Bürokratenherz begehrt, wartet mit einigen Zählungen auf, deren Methoden niemand hinterfragt. So werden Taubengrüppchen mit drei multipliziert — da ja nicht immer alle da sind. Aber selbst aus diesen Zählungen ergibt die Zahl für die letzten Jahre mal 30.000, mal 40.000 in der Millionenstadt München. Und die jüngst von uns aufgefundene Zahl für 1970 lautet – ebenfalls 40.000. Da staunt der Laie über die exorbitante Vermehrung [Und 2020 heißt es, wen wundert´s, 40.000].

Und: Wie viele Tauben sind „angemessen“ für eine Stadt? An welcher Bezugsgröße wird denn die „verträgliche“ Taubendichte gemessen? An der Quadratmeterzahl einer Stadt, an der Bevölkerungszahl, an einer angenommenen Obergröße für Taubenpopulationen zu deren eigenem Wohlbefinden, an dem verfügbaren „Wohnraum“ – oder an dem subjektiven Eindruck von Herrn und Frau Meier-Spießer? Welch letzteren wiederum andere gegenüberstehen, denen die wunderschönen, goldgrün, weiß oder braun glänzenden Mitbewohner ihrer Stadt lieb und wert sind, die ihr Gurren nicht „lästig“ finden, sondern sich an Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ erinnern — „Und Liebe und Liebe girrt das zarte Taubenpaar“ — oder, wie die große französische Schriftstellerin Marguerite Yourcenar es ausdrückte, durch den Kontakt mit Tauben „in Bezug zum Universum treten“. Oder sich in Erinnerungen an ihre herrlichen Aufenthalte in Venedig hingeben, am Markusplatz unter Zehntausenden von Tauben.

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Die Verleumdungen 4, 5, 6 und einige mehr sparen wir uns für heute. Fest steht, dass es so gut wie keine wissenschaftliche Erforschung der Stadttaube gibt. Einer der wenigen Kenner, Prof. Nicolai, vormals Leiter der Vogelschutzwarte Wilhelmshaven, hat deutlich erklärt, dass die Stadttaube ein vollständig vom Menschen abhängiges Tier ist, ein Haustier, das ohne die seit Jahrtausenden gewohnte menschliche Hilfe verhungern müsste. Ihre Nahrung, die früher in weniger sterilen Zeiten mit Pferdekutschen und allerorts herumliegenden Agrarprodukten wie Getreide oder Mais und Reis sozusagen von alleine anfiel, muss ihnen heute gezielt angeboten werden, wenn sie nicht verhungern sollen. Ein Ausweichen in Wald und Flur, auf Schnecken und Würmer, wie es der Landesbund für Vogelschutz vorgaukelt, ist ihnen nicht möglich. Erstens sind sie reine Körneresser und zweitens haben sie nur einen Aktionsradius von ca. 500 Metern. Dieses Mindestwissen haben auch diese „Fachberater“. Sie belügen also die von ihnen beratenen Politiker, die ihrerseits die Bevölkerung belügen, um eine Klientel von gefühllosen Geschäftsleuten und Saubermännern populistisch zu bedienen. Die überhaupt nicht vorhandene „Taubenplage“ ist nichts als eine herbeigeredete Hysterie.

Wir haben noch gar nicht erwähnt, dass die Pogromhetze gegen die Tauben kommerziell betrieben wird. In erster Linie stößt sich ein gewisser Dr. Haag-Wackernagel aus Basel mit einem ganzen Konsortium eigener Firmen unter dem Titel „Öko-Management’’ an der Taubenverfolgung gesund. Geschickt ist er mit zwei anderen Kaufleuten in die Marktlücke der Unwissenheit über diese Tiere gestoßen und gilt aufgrund einer windigen Doktorarbeit als Experte für Taubenregulierung, überall, wo man an die Quelle irgendwelcher unsinnigen und widersprüchlichen Behauptungen vorzudringen sucht, stößt man am Ende auf seinen Namen. Wir werden diesem Herr noch auf der Spur bleiben. Seine PR-Firma arbeitet jedenfalls vorzüglich, nach dem bewährten Werbeprinzip KISS: “Keep it simple and stupid.” Der Kuss ist tödlich für die Lebensform Stadttaube.

Wir klagen die Kommunalpolitiker an, sich blindlings und in roher Gesinnung an dem verdeckten Vernichtungsfeldzug gegen die Stadttaube zu beteiligen. Wir klagen sie an, Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufzuhetzen und sich auf die Seite des egoistischen, anderen Lebensformen gegenüber intoleranten, ihnen gegenüber gewissenlosen Teils der Bevölkerung zu schlagen. Wir klagen sie an, den humanen, Tieren gegenüber verantwortungsvollen, die lebendige Schönheit fördernden, auch den echt religiösen Teil der Bevölkerung den niedrigsten Instinkten roher Spießer und Rabauken auszuliefern. Wir klagen sie an, die höheren Werte der Achtung vor dem Tier, des Mitgefühls mit dem Bedürftigen, der mütterlichen Liebe zu jeder Kreatur, erbärmlichen kommerziellen Interessen und noch erbärmlicheren engherzigen Gesinnungen zum Opfer zu bringen. Wir klagen sie an, dem mühsam Schritt für Schritt von Tierschutz und Tierrechtsbewegung erkämpften und weiter zu erkämpfenden Bewusstseinswandel zugunsten der Gerechtigkeit für Tiere einen schweren Rückschlag zu bereiten.