Narzissmus ist die Leitstörung unserer Zeit – Silke Ruthenberg

Kälberkönig Attila Oder was das Tierrecht von Hildmann lernen kann.

Und was nicht.

22883735_281813715659833_676067262_oNarzissmus ist die Leitstörung unserer Zeit. Das bedeutet für die erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit, dass man ihn eben maximal bedienen sollte – gern auch mit soziopathischer Überspitzung – oder einen echten Kontrapunkt dazu setzt.
 .
Vegankoch Attila Hildmann hat sich seit jeher für die erstere Methode entschieden und füllt diese Rolle mit Bravour aus. Ein entsprechender, gesellschaftsspiegelnder Grundcharakter wird ihm hierbei eine große Hilfe sein, es sei ihm vergönnt. Wenn es denn der Sache dient.
 .
Nun hat der Promiveganer wieder einen PR-Knaller geleistet, der alle Elemente des Narzissmus aufweist und bei dem es lohnt, genauer hinzuschauen.
 .
Die Geschichte ging so: Eine narzisstische Nacktäffin, die Fressen&Schreiben zu ihrem Geschäftsmodell gemacht hat, schreibt eine gehässige Kritik über Attila Hildmanns
Vegane Frittenbude. Attila Hildmann empört sich darüber auf seiner facebookseite (immer noch unangemessen freundlich, wie ich persönlich finde), natürlich regt sich die narzisstische Spießerwelt auf und mokiert sich über Stilfragen und „böse“ Wörter wie „Kackartikel“ und die „Drohung“, der Lohnschreiberin die Pommes in die „Wannabe-Journalistinnen-Visage” zu stopfen. Der gemeine Spießer trägt ja keine Werte in sich, sondern nur etwas, was so tut als ob: Anstandsregeln. Da klammert er sich fest mit unerbittlicher Vehemenz.
 .
Mit diesem erregten Ping-Pong jedenfalls wird das Thema ein Öffentliches und die mediale Welt reagiert beitgestreut. Attila Hildmann läd daraufhin zum kostenlosen Probefressen die Lohnschreiber in seine Frittenbude. Die Einladung verbindet er mit einem Foto von sich mit einer auf den Betrachter gerichteten Pumpgun, auch das eine prächtige Vorlage für die Spießerwelt, zumal es mit einer latenten Drohung verbunden ist, diesmal nicht komplett auszurasten, so er denn nur von “Scheiße” verschont wird. Genau so braucht es der verheuchelte Spießbürger. Der Schowaschgang ist unangemessen bei dem dreckigen Charakter. Bravo!
 .
Eine Strafanzeige lässt nicht lange auf sich warten, angeblich muss Hildmann sofort bei der Polente vorsprechen. Piefige Reaktionen indess aus der Szene. StärksterVeganervonWelt Partik Baboumian, der sonst Besseres zu bieten hat, kommentiert pfeilgrad am Thema vorbei: „Das schöne Gefühl morgens aufzustehen und zu wissen, dass man Journalisten nicht mit einer Pumpgun drohen muss, um zu verhindern, dass man von der Presse vergessen wird. Unbezahlbar!“ Wobei der starke Patrik womöglich sogar in Sachen Motivation und Antrieb ins Schwarze getroffen hat, aber es ist eben nicht das Thema, nicht der Rede wert. Und als hätten – abgesehen davon – es die ganzen tierfressenden Schlechtschreiber nicht verdient, mal eine kraftvolle Antwort zu bekommen für ihren in Druckerschwärze gegossenen Zynismus gegenüber den Opfern im Dunkel der Katakomben. Und für ihr Schweigen. Und für gehässige Urteile über vegane Frittenbuden, die gar nicht so ölstinkend und schwitzig und labberig daherkommen können, um die üblichen Leichenbratereien in Geschmacklosigkeit und noch ganz Anderem zu überbieten. Das mäkelige Urteil über einen Laden, der sich hält in einer massenmordenden Mafiawelt ist an sich schon so ungeheuerlich, dass man Attila Hildmann – böseböse – noch einen Zacken mehr Erregungsfähigkeit wünschen würde. Für die Sache. Was hat jemand eigentlich verdient, der über vegane Mayo mäkelt, es ginge es um Geschmacksfragen und nicht um Leben und Tod? Berufsverbot?
 .
Leider hat die geniale PR von Hildmann auch eine Schattenseite. Der Kenner wusste es in dem Moment, als Attila Hildmann mit seiner Einladung an die Journalisten das Versprechen verknüpfte, ein Steak zu essen, sollte die Mehrheit der Journalisten nach dem Konsum seines veganen Burgers die Fleischvariante weiterhin bevorzugen.
Die Geschichte geht dann nämlich weiter. Die Journallie rückt also in Scharen an und frisst… offenbar durchaus mit gutem Appetit. Aber weil die bezahlten Schreiberlinge, deren Lebensgeschäft der Skandal und die Unterhaltung ist, eben noch nicht mal den Anstand im Leib haben, den Gastgeber nicht zu kompromitieren, geschweige denn Moral, sagt die Mehrheit von denen erwartungsgemäß nach dem Verdauungsrülpser, dass ihnen der Burger mit totem Tier drin dann doch besser schmecke. Man braucht ja die Story.
 .
Dass Attila Hildmann es sich nicht leisten kann, nun ein Stück Leiche herunterzuwürgen und sich damit als “guter Verlierer” zu zeigen, dürfte allen vorher klar gewesen sein. Die interessante Frage war ja nun, wie er sich aus dem Wetteinsatz herauswindet. Und hierfür waren dann die Tiere gut genug. Hildmann zeigt Foltervideos von Nutztieren, Ein paar Tränchen rollen, schließlich ginge es ihm, Attila dem Veganerkönig, um die Tiere. Und ums Klima (Tiere reicht ja nicht). Dann schließlich lässt er einen Transporter vorfahren mit einer Ziege und einem Kälbchen, hinter Gitterstäben auf der Ladefläche. Er bietet den Journalisten ein Messer an: sie sollen das Steak schlachten, dann würde er es essen. Ende der Geschichte.
 .
Dieses Finale wird unter vielen Tierschützern nun als großer Coup gefeiert, während die Medien weiter herummäkeln, die Hildmann-Botschaft, ihm ginge es um die Sache, nimmt man ihm so recht nicht ab.
 .
Als wäre es überhaupt von irgendeiner Relevanz, inwieweit Hildmanns Tun und Lassen glaubwürdig ist oder von Selbstbezogenheit und Geschäftssinn getragen. Zweifellos war es ziemlich die einzige Möglichkeit, mit den Tieren um die Ecke zu kommen, um von der Rolle der beleidigten Tofuwurst wieder runterzukommen, die er sich mit seiner empörten Reaktion auf Kippenbergers Restaurantkritik eingehandelt hatte. Möglicherweise waren die feuchten Augen beim Abspielen der Foltervids auch Krokodilstränen oder Selbstinszenierung, aber wer will´s wissen? Bisher hat sich Attila Hildmann noch nicht mit Äußerungen über Tiere hervorgetan, die mehr waren als Binsenweisheiten, bei denen die Zustimmung des Mainstreams sicher ist. Lange Zeit kam er ohne Tiere aus, als es darum ging, vegane Kochbücher zu vermarkten. Moral vermasselt das Geschäft, das wird der Grund gewesen sein, die Masse will narzisstisch bedient werden. Nun wo der Rubel rollte braucht man sie, um mit Substanz zu unterfüttern, was Lifestyleveganismus auf Dauer nicht leistet.
 .
Entscheidend ist dabei: es spielt überhaupt keine Rolle, schon weil alle Spekulationen immer eine Mutmaßung bleiben. Hinter Stirnen kann niemand blicken und womöglich kennt sogar Attila Hildmann den wahren Grund fürs Ausrasten und Weinen nicht, es lebe das Unterbewusstsein und Siegmund Freud lässt grüßen. Jede Spekulation, die Hildmanns Innenleben zum Thema macht, ist per se respektlos und überdies vollkommen sinnlos. Und selbst wenn man ihm selbstsüchtige Absichten unterstellen möchte, so hat eben sein Narzissmus für eine Menge PR gesorgt, kostenlose Megawerbung für seine Frittenbude, es sei ihm vergönnt, wem, wenn nicht ihm, so viel mehr doch als all diesen Kadaverbrutzlern und Leichenschändern in diesem Milieu, wo keine Menschlichkeit wohnt, wie Theodor Storm mal treffend feststellte. Und nebenbei ist der Begriff „vegan“ auch wieder überall zu lesen. Das Geschäft mit der Werbung ist ein dreckiges und oberflächliches.
 .
So what? Als ginge es nicht um viel Größeres. Das Verwerfliche ist etwas anderes: Attila Hildmann hat eine schmutzige Werbekampangne lanciert, weil sie auf den Knochen der Opfer betrieben wurde. Nur das kann man ihm vorwerfen, aber das ist entscheidend. Er hat die Tiere benutzt für seine Frittenbude und für sein Image. Wer das umdeutet als Tierschutz – oder gar als Tierrechtsaktion – hat nichts verstanden vom Wert und der Würde der Tiere.
 .
Grundsätzlich: Wer PR für Tiere machen will, darf alles. Alles. ALLES! Er darf auch psychisch, geistig und sonstwie fragwürdig sein wie er will. Es hat uns nichts anzugehen und tatsächlich ist es Hildmann hoch anzurechnen, dass er vegan rausgeholt hat aus dem piefigen Mief. Vegan für Azzlacks ist wunderbar, weil Tiere auch nicht von Azzlacks gefressen werden wollen. Wir müssen alle Sprachen sprechen, um alle zu erreichen. Und jede neue Sprache verdient Applaus und keine Ächtung. Soviel zur Strategie. Hildmanns Aktion ist fragwürdig nicht durch die Stilmittel sondern durch die ausgedrückten falschen Werte der Gesellschaft, die auf den Knochen der Tiere lebt.
 .
Hildmann hat die Tiere als Mittel zum Zweck benutzt. Dabei ist es einzig und allein die Verdinglichung von fühlenden und denkenden Personen, die die geistige Grundlage schafft, die das Verbrechen erst möglich macht. Eine PR, die den Tieren dienen soll, darf nicht die Mechanismen des Verbrechens in sich tragen. Wenn ich die Leiche eines Tieres zum Wetteinsatz mache, verdingliche ich das Opfer zu einem Objekt eines Pokereinsatzes. Das ist eine reine Verhöhnung des Opfers. Dies nicht geleistet zu haben ist nichts, was man Hildmann vorwerfen kann. Er hat eben einen Marketinggag für sich und die Frittenbude gesetzt und die Strategie ist für ihn aufgegangen. Grotesk wird es, wenn Leute, die die Sache der Tiere auf ihre Fahnen geschrieben haben, das nun als eine Tierschutzaktion feiern. Es ist, als feierte man Richard Precht dafür, dass er sich vergangene Woche hat von einem Leichenbrutzler ein Kalbsschnitzel servieren lassen, öffentlich, im Dritten. Da rettet ihn auch nicht, dass er ein Buch über Tierrechte geschrieben und schlaue Sachen gesagt hat. Was wir den Tieren schuldig sind: wir müssen ihnen treu bleiben. Mehr ist das nicht.
 .
Wenn ich aber zwei Sklaven vorfahren lasse und Leuten das Messer reiche für einen Mord, auch wenn dieser selbstverständlich und erwartungsgemäß nicht vollzogen wird, sende ich eine Botschaft aus, die noch fataler ist als Tiere scheinbar zum Objekt eines Pokereinsatzes zu machen: ihr Leben und ihr Sterben ist eine Frage des gönnerhaften Wohlwollens und des Vermögens oder Unvermögens des Täters zur Tat. Du darfst, wenn du kannst. So wenig soll das Leben eines Tieres wert sein, es soll nur im Auge des Betrachters liegen, ob es etwas zählt oder nicht? Diese als moralische Botschaft inszenierte Aussage spiegelt in zynischer Weise die herrschende Meinung im Gewand einer neuen Ethik und das ist perfide. Das muss man sehen, diese eigentliche Botschaft verdient unseren Applaus nicht. Sie verdient unsere Ächtung. Aus Treue zu den Tieren.
 .
Und wenn ich offenbar kein Wort zur Kardinalfrage verliere, die sich im Angesicht der beiden Personen im Lieferwagen sofort stellt, und mich nur schmusend in Szene setze, dann ist auch noch die letzte Chance vertan, aus der PR-Aktion für den eigenen Geschäftsbetrieb zumindest eine ordentliche Tierschutzaktion zu machen. Das muss man sehen, das verdient unseren Applaus nicht. Aus Treue zu den Tieren.
 .
Diese Frage, diese Kardinalfrage, übrigens lautet: Woher kamen Kalb und Ziege, wohin gingen sie danach? Sie wurden nicht beantwortet.
Advertisements
Post a comment or leave a trackback: Trackback URL.

Trackbacks

  • […] gar keine war. Ich wiederhole mich nicht gern, wer es lesen und verstehen will, der lese hier: Kälberkönig Attila – Oder was das Tierrecht von Hildmann lernen kann. Und was nicht. Nun hat sich der Medienstar, schneller als gedacht, selbst entlarvt. Um im Bild von „Im Leben […]

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: