Monatsarchiv: Oktober 2016

Sind Veganer Menschenfeinde? – THE VICE

Sind Veganer Menschenfeinde?

Ein Interview mit Silke Ruthenberg von Animal Peace

Von Philipp Sommer 07.10.2016

Wir haben kürzlich eine Debatte aufgegriffen, die es so schon seit Längerem in veganen Kreisen gibt. Der Speziesismus ist die Idee, dass der Mensch letztlich nur ein Tier unter vielen anderen ist und ein jedes (tierische) Leben, ob Insekt oder Mensch, gleichwertig ist. Dieser Gedanke führt leider oft zu einer Rhetorik, die in den schlechtesten Momenten menschenfeindlich ist. Damit haben alle Veganer ein Problem, die sich als politische oder ethische Veganer verstehen. Denn der politische Effekt der immer größer werdenden veganen Bewegung ist gleich null, wenn es um die Massentierhaltung geht. Denn so wie die Zahl der Veganer, wächst auch die Zahl der getöteten Tiere, 2016 war ein Rekordjahr für die Industrie. 

Flugblatt Hühner67Silke Ruthenberg ist ihrerseits eine echte Ikone der Szene, sie war schon vegan, als das in der öffentlichen Meinung noch einem Verbrechen gleichkam. Ihre große Phase hatte sie in den 90er Jahren (siehe auch das Video, welches weiter unten im Text eingebettet ist), in denen sie sich an alles kettete, was sie ablehnte. Sie provoziert weiterhin Justiz und Öffentlichkeit, vielleicht mehr denn je. Hier ist das Gespräch mit ihr in voller Länge. 

Den entsprechenden Artikel dazu findet ihr hier.


MUNCHIES: Warum sprechen Sie von Menschen als Nacktaffen?
Silke Ruthenberg: Der Begriff Nacktaffe lehnt sich an den Titel eines weltbekannten Klassiker an, nämlich an das 1967 erschiene Buch „Der nackte Affe“ von Desmond Morris, das die tierische Natur des Menschen zum Thema nimmt. Menschen sind schließlich auch Tiere, sie sind eine von etwa eineinhalb Millionen Tierarten, nicht mehr, nicht weniger. „Mensch und Tier“ ist eigentlich so unsinnig wie „Fichte und Pflanze“. Aber im Sprachgebrauch werden die beiden Begriffe als Gegensätze verwendet und sie sind ideologisch besetzt. Uns ist wichtig, unsere Artgenossen daran zu erinnern, dass sie eine Tierart unter Millionen anderer Arten sind. Wir sind Tiere. Eine ideologische Überhöhung ist narzisstisch und unangemessen. Diese Kränkung tut not. Die Erkenntnis, dass wir Nacktaffen weder Mittelpunkt des Universum noch Herr im eigenen Haus sind, hat uns ja auch nicht geschadet.

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Es gibt gerade unter Tierschützern immer wieder Vorfälle, bei denen die Schoah/NS-Verbrechen als Vergleichsgröße herhalten müssen. Finden Sie das problematisch?
Wir haben kein Problem damit, Täter miteinander zu vergleichen, schon weil die Mechanismen, die einen Menschen zum Täter machen, überall relativ gleich sind. Wir vermeiden es, Opfer für einen Vergleich zu benutzen, das gebietet der Respekt vor ihrem Einzelschicksal und ihrem erlittenen Leid. Das führt auch dazu, dass wir zum Beispiel einen Herrn Asselborn kritisieren, wenn er Massenfolter und Massenmord von Tieren relativiert, indem er behauptet, Kriegsflüchtlingen gehe es in unserer Gesellschaft besser als Tieren. Dagegen verwehren wir uns ausdrücklich und vermissen entsprechende öffentliche Kritik.

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Frustriert Sie der Mensch? Frustrieren Sie die wenigen Fortschritte, die das Tierrecht in den letzten Jahrzehnten gemacht hat?
Macht es Sie nicht traurig, wie unfähig sich z. B. die Kulturnation Deutschland zeigt, an er grauenvollen Massenfolter etwas zu ändern? Mich macht das schon traurig, weil es Schmerz und Verzweiflung, Ohnmacht und Tod für Milliarden bedeutet, weil der Nacktaffe unbedingt Täter bleiben will. Die Gewalt gegen die anderen Arten ist systemischer Natur, wir haben eine Täterkultur, wie es Arno Gruen gesagt hat, es ist die Geschichte unserer Art, auf den Knochen der anderen Arten zu leben. So etwas ändert sich nicht in wenigen Jahren, weil die Mechanismen, die es ermöglichen, uns alle zu Tätern zu machen, sehr tief gehen. Und schon gar nicht ändere ich es! Warum sollte ich also frustriert sein?

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Darf man sich über den Tod von Menschen freuen?
Natürlich darf man, kein Gesetz hindert einen daran. Man darf Menschen sogar den Tod wünschen, die Literatur ist voll davon. Lesen sie mal Arno Schmidt. Wie sagte der so schön: „Hätte ich von den Göttern drei Wünsche frei, wäre einer davon, die Welt sofort von der Menschheit zu befreien.“ Oder Elias Canetti, der sich den Aufstand der Tiere gegen ihre Peiniger wünschte. Es wäre ja auch absurd, Menschen ihre Gefühle vorzuschreiben, wie soll das funktionieren? Und welch eine Heuchelei hätte das zur Folge? Unvorstellbar ekelhaft.

Das Entscheidende ist doch, was man mit seinen Gefühlen macht. Und wir haben bis heute keinem einzigen Nacktaffen auch nur eines seiner wenigen Haare gekrümmt. Aber zum Beispiel die Bauern und Schlächter, die haben Milliarden auf dem Gewissen. Und sie machen weiter. Für uns zählen Taten, nicht Worte. Und noch was: Statt uns mit denunziatorischer Absicht eine Freude über den Tod von Menschen zu unterstellten, sollten man auch lieber am Leseverständnis arbeiten: Bis heute haben wir uns immer nur über ein Opfer gefreut, das sich wehrt. Das sich die Gewalt nicht länger gefallen lässt. Es lohnt sich, unsere Texte, die Sie vielleicht als Ausdruck von Menschenhass deuten, anders zu lesen, nämlich vor dem Hintergrund, dass wir wirklich auf der Seite der Tiere stehen als solidarische Brüder und Anwälte. Und nicht nur so tun. Das ist unser Auftrag, es ist unser Mandat, unser Job. Alles andere wäre Verrat.

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Was bedeutet veganes Leben für Sie?
Ich lebe seit 30 Jahren vegan, es ist selbstverständlicher Bestandteil meines Lebens. Aber die Welt ändert sich dadurch nicht für die Tiere, es ist nur eine Frage der Haltung und auch der Selbstachtung. Die Welt ändert sich erst dann für die Tiere, wenn man ihnen ihre natürlichen Rechte zurückgibt, die ihnen von Tyrannenhand vorenthalten werden. Die anderen Arten verdienen Grundrechte nicht weniger als wie wir sie für uns selbst in Anspruch nehmen und ihr Leben hat einen höheren Wert, als dass es der gönnerhaften Entscheidung des Einzelnen überlassen wird, ob es geschont wird oder nicht. Und mehr ist vegan nicht, es bleibt ein Gnadenakt. Aber es ist das Mindeste, was wir tun sollten. Es ist das, was uns bleibt in einer Welt der Gewalt gegen Tiere, einer Welt der völligen Rechtlosigkeit der Tiere, wenn wir nicht Teil dieser Welt sein wollen.

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Nach all den Jahren, sind Sie da noch wütend?
Meine Empathie habe ich nicht aufgegeben, wenn Sie das meinen.

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Wie viele Katzen haben Sie gerade?
Deutlich weniger als der hochgeschätzte Manfred Deix, der im Juni neben seiner geliebten Frau auch viele geliebte Waisenmiezekatzen zurückließ und der den wunderbaren Satz formulierte: „Ich scheiß auf die Menschheit.“ Sowas trauen wir uns noch nicht ganz. Aber die Hybris des Menschen hat solche Sätze nötig, um zu einem gesunden Maß zurückzufinden.

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Sind Sie radikal?
Ich bin geneigt, mit Arno Schmidt zu antworten: Ich kenne einfach niemanden, der so häufig Recht hat wie ich. Aber es ist doch völlig uninteressant, wie ich mich selbst einschätze. Es ist eine Bewertung und das soll jeder für sich entscheiden. Das hängt auch damit zusammen, wie ich das Wort „radikal“ definiere. Für mich ist die Frage nicht relevant. Und die Antwort darauf übrigens auch nicht, egal, von wem sie kommt.

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Wie ist ihr Verhältnis zu anderen Tierrechtsorganisationen?
Manche Parteifreunde nennen mich den Donald Trump der Tierrechte. Eine Unverschämtheit, ich habe keine Wurstfinger. Man hasst uns halt wie eh und je und das soll auch so bleiben. Wenn man von der Öffentlichkeit gelobt wird, hat man etwas falsch gemacht. Die anderen lieben uns, da kann man ja auch nichts machen. Wir heischen nicht nach Applaus, wer das tut, betreibt Wohlfühltierschutz, das ist nicht unsere Sache. Nicht meine Sache. Wenn ich den Zeitgeist vorantreiben will, muss ich eine Antithese zum Zeitgeist setzen, sonst bewegt sich gar nichts. Das hat ja schon Hegel erkennt, das ist einfach nur Dialektik. Mir hallt heute noch das Hohnlachen der 90er Jahre über uns „Veganer“ in den Ohren. Und heute? Machen sie alle in „vegan“ und vergessen, dass das ein langer harter Weg war. Das wurde nicht geschenkt. 

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Sie sind sehr besorgt um die Sprache. Dem Spiegel haben Sie vor Jahren gesagt, man dürfe Mörder nicht Schweine nennen, weil das dem Ansehen der Schweine schade und zu einem Klima beitragen würde, in dem es akzeptabel ist, diese Tiere zu töten. Warum ist ihre Sprache über Menschen dann so hart?
Das habe ich gesagt? Aber es stimmt. Ich würde auch nie ein Schwein als „Bauer“ beleidigen. Im Übrigen differenziere ich stark. Meine Sprache ist scharf, und zwar genau dann, wenn es sich um Täter handelt, aber sie ist immer noch nicht scharf genug. Ich übe noch. Und es wird Ihnen sicher nicht entgangen sein, dass Nacktaffen, die sich als Partner und Freunde der anderen Arten beweisen, den uneingeschränkten Applaus bekommen. Aber die Gewalt der Täter, die unter jedem Menschenmörder stehen, weil sie noch nicht einmal eine Strafe für ihren Mord, für ihr Foltertreiben befürchten müssen und zur Brutalität auch noch die Feigheit kommt, verdient nicht Relativierung und erhobenen Zeigefinger, sondern die ehrliche Ächtung. Es gibt ja noch kein Recht, das ihnen gerecht wird und die Antwort gibt, die an der Tat gemessen wird. Und was wäre das auch für ein Anwalt, der die Seite der gegnerischen Partei vertritt ? Ein Waschlappen. Ein Mandantenverräter.

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Vielen Dank für das Interview, Frau Ruthenberg.

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Themen:Animal Peace, Arno Schmidt, Hegel, PETA, Silke Ruthenberg, Speziesismus, Tierrechte, Veganismus

Artikel auf THE VICE

Sind Veganer Menschenfeinde? Ein Interview mit Silke Ruthenberg von Animal Peace 

Tiere lieben, Menschen verachten: Veganer haben ein Problem

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Tiere lieben, Menschen verachten … – THE VICE

Tiere lieben, Menschen verachten:

Veganer haben ein Problem

Von Philipp Sommer 06.10.2016

Ein Leben ist ein Leben und wer tötet, ist ein Mörder, und wer getötet hat, der muss bestraft werden, und wenn es ihn das Leben kostet. Der Mensch ist ein Tier, eines ohne Fell, ein nackter Affe. Nacktaffen eigentlich, so nannte sie 1967 Desmond Morris, ein Zoologe, in seinem Buch, „Der nackte Affe“. „Mensch und Tier“, diese Bezeichnungen sei so unsinnig wie „Fichte und Pflanze“, einen Unterschied gäbe es nicht. Deswegen besteht Silke Ruthenberg darauf, den Menschen einen Nacktaffen zu nennen. Sie will die „ideologische Besetzung“ aufbrechen, die die unterschiedlichen Bezeichnungen zu Folge haben. Silke Ruthenberg ist eine Pionierin der veganen Szene in Deutschland, eine Autorität, auch wenn sie über die Jahre weniger Zuspruch bekam. Sie ist Chefin von „Animal Peace“, einer Tierschutzorganisation mit etwa 5000 Mitgliedern und sehr genau 3827 Facebook-Likes. Schon in den neunziger Jahren war sie aktiv, immer auch ein Liebling der Presse. Wenn sie redet, dann hat das nicht unbedingt deswegen Gewicht, weil sie so viele Menschen hinter sich versammeln kann, sondern weil sie eine radikale Stimme ist. Animal Peace ist klein, klein gemessen an den Zielen, die sie haben, aber wenn sie reden, dann hört man ihnen zu.

Silke Ruthenberg, Bild via Imago.

Silke Ruthenberg, Bild via Imago.

Die vegane Szene hat in den letzten Jahren massiven Zulauf bekommen, die meisten entscheiden sich aus ethischen Gründen dafür, kein Fleisch mehr zu essen. Ihnen liegt der Tierschutz am Herzen, sie verzweifeln an den Zuständen in den riesigen Mast- und Schlachtbetrieben. Doch so wahrnehmbar groß diese Gruppe geworden ist, so klein ist auch der tatsächliche–politische–Einfluss geblieben. An dem Kern des Problems hat sich wenig geändert. Im Gegenteil: Die deutsche Fleischindustrie wächst noch immer, vor allem durch den Export. 2016 ist ein Rekordjahr: 8,22 Millionen Tonnen (Tonnen, nicht Tiere sind die Maßeinheit) Fleisch wurden produziert, so viel wie nie zuvor. Die politisierte vegane Szene versagt in ihrem zentralen Ziel. Die Gründe liegen vor allem bei den professionellen Tierschützern, die ihrem Anliegen oft mehr schaden als nutzen.

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Ein Bauernhof im Januar ’16, ein Bauer betritt seinen Kuhstall, dort findet er seinen toten Vater. Der Bulle hatte ihn angegriffen und tödlich verletzt. Animal Peace schrieb daraufhin, sie würden sich vor „diesem Held der Freiheit“ verbeugen, bezeichnete den Stier als „Held“, den Bauern einen „Sklavenhalter“. Als im Juli diesen Jahres ein Stier einen Torero in der Arena tötete, nannte Animal Peace das Tier einen „Freiheitskämpfer“, der den „widerwärtigen Sadisten“ in sein „kaltes Herz“ getroffen habe. Und als Gerwald Claus-Brunner einen Mann tötete und sich selbst das Leben nahm, sagte sein Bruder, dass Claus-Brunner in der Vergangenheit Tiere gequält habe, daraufhin schrieb Animal Peace dazu: „Der Pirat war schon lange ein feiger Mörder bevor er sich strafbedroht an einem Nacktaffen vergangen hat. Wen wundert´s [sic]? Das war ja dann ein Schritt in die Richtung ausgleichende Gerechtigkeit.“ Sie feiern den Tod der Menschen am Rande der Legalität, oft bekommen sie Anzeigen dafür, was sie sagen. Alles dient der Provokation. Alles, um die Menschen daran zu erinnern, dass sie „eine Tierart unter Millionen anderer Arten sind“, wie es Silke Ruthenberg im Interview ausdrückt. Sie ist eine Anti-Speziezistin, jemand der es ablehnt, den Wert eines Lebens daran zu bemessen, welcher Spezies es angehört. Konsequent angewendet bedeutet das: Wenn ich einer Fliege etwas zuleide tue, bin ich ein Mörder. Dann habe ich auch nicht mehr mit übermäßiger Gnade zu rechnen.

Über Jahrhunderte haben sich Gesellschaften das Bekenntnis zu einer unantastbaren Würde des Menschen erkämpfen müssen, das geht den Anti-Speziezisten nicht weit genug, sie wollen auch die gleichen Rechte für alle Tiere. Doch so lange die Tiere nicht gleichbehandelt werden, kann man den Menschen auch schlecht behandeln, so macht es den Eindruck.

„Eine Diskriminierung von Individuen aufgrund ihrer Artzugehörigkeit ist Speziesismus und das ist genauso falsch wie Rassismus oder Sexismus“, sagt auch Harald Ullmann, zweiter Vorsitzender von PETA Deutschland e. V. Mitleid entstünde aus der Nähe zu anderen Lebewesen, was es verständlich macht, aber dort dürfe die Solidarität nicht aufhören.

Im Juli lockte ein Zahnarzt aus den USA den Löwen Cecil aus dem Hwange National Park, wo die Jagd illegal ist, schoss auf ihn mit einem Bogen, verfolgte das verletzte Tier für 40 Stunden, bevor er es erschoss, köpfte und häutete. Als die Behörden herausfanden, wer der Täter war, reagiert auch PETA. Die Vorsitzende des US-Verbandes sagte in einer Mitteilung, der Täter solle „ausgeliefert, angeklagt und vorzugsweise gehängt“ werden. Die deutsche Sektion nahm die Mitteilung so nicht auf ihre Seite, ein Hauch von Distanzierung, trotzdem verteidigt Harald Ullmann seine Kollegin Ingrid Newkirk: „Ms. Newkirk hatte nicht damit gerechnet, dass dieser Kommentar tatsächlich allzu wörtlich genommen wird. Wir glauben, dass der Jäger in Simbabwe zur Rechenschaft gezogen werden sollte und die Konsequenzen tragen muss, wie es im Englischen heißt ,…and be hanged in the court of public opinion‘. Wir sind eine gewaltfreie Organisation, wir arbeiten daran Gewalt zu stoppen.“ Ja, es gibt die Redewendung „court of public opinion“. Da geht es allerdings um die öffentliche Meinung, die bei tatsächlichen Gerichtsprozessen oft bedeutsam für deren Ausgang ist, und nicht darum, jemanden zu lynchen.

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Das alles sind Einzelfälle, sicher, und sie gehen unter in dem, was Tierschützer nahezu geschlossen bekämpfen, sie alle wollen das Ende der Massentierhaltung. Massentierhaltung, das Yuval Noah Harari im Guardian eines „der größten Verbrechen der Geschichte“ genannt. Die Ausmaße der Produktion sind unermesslich, niemand kann mit Sicherheit sagen, wie viele Tiere schon ihr Leben gelassen haben. PETA schätzt die Zahl alleine in Deutschland auf etwa 60.000.000 Schweine. Jedes Jahr. Veganer tragen die Sorge um die Umwelt, die Gesundheit, die Zukunft des Planeten, das Leid der Tiere. Und wenn es darum geht, das industrielle Töten zu beschreiben, zu thematisieren, zu kritisieren, kann es manchen Tierschützern nicht weit genug gehen.

Ingrid Newkirk. Bild via Imago

Ingrid Newkirk. Bild via Imago

„Holocaust auf dem Teller“, das ist die Kampagne mit der PETA die meiste Aufmerksamkeit erreichte, allerdings auch viel juristische Aufmerksamkeit. Deutsche Gerichte unterbanden diese PR, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte bestätigte das Urteil 2012. PETA wollte lange nicht von dem unsäglichen Vergleich lassen, die rechtliche Einschätzung will Ullmann so verstanden wissen: „Das Gericht hatte die ,Holocaust auf dem Teller‘-Kampagne nicht per se verboten, nur 7 der 8 Plakate, die eine direkte Gegenüberstellung von Tierleid und den Gräueltaten der Nazis zeigten, durften nicht mehr gezeigt werden, und das auch nur in Deutschland.“ Richtig, denn so begründete das Gericht seinerzeit: Man müsse den „spezifischen Kontext der deutschen Geschichte“ beachten und der Vergleich führe zu der „Bagatellisierung und Banalisierung des Schicksals der Holocaustopfer“. Bei aller berechtigten und notwendigen Kritik an der Massentierhaltung darf man nicht vergessen, dass das eigentlich ein System ist, das zur Ernährung von Menschen gedacht ist und nicht vergleichbar ist mit einem System, das allein zur vollständigen, totalen und ewigen Ausrottung des Judentums gedacht war. Yuval Noah Harari, der Israeli ist und in Jerusalem Geschichte lehrt, hat sich einer solchen Sprache aus guten Gründen nicht bedient, als er über Massentierhaltung sprach.

Das ist eine Radikalität, die es braucht, um die „apathische Öffentlichkeit“ aufzuwecken, meint man bei PETA: „Die Geschichte hat gezeigt, dass gerade die Radikalen die waren, die die Sklaverei beendet haben, Frauen das Wahlrecht verschafften und gleiche Rechte für Homosexuelle erreicht haben. Ich nehme die Bezeichnung ,radikal‘ immer als Kompliment auf.“ Das ist ohne Frage richtig, richtig ist aber auch, dass es auch Radikale waren, die das Schlimmste hervorgebracht haben. Auch bei Animal Peace gibt es NS-Vergleiche, unter einem Post zu einem Bison, der einen Pfleger angegriffen hatte, sprach jemand von dem Pfleger als KZ-Wächter. Die entsprechende Zeilen sind allerdings inzwischen gelöscht, vielleicht hatten die Beteiligten sich über ihre eigene Sprache erschrocken.

Es ist 20 Jahre her, da hat Silke Ruthenberg die Sorge um die Sprache umgetrieben, als eine Vorstufe der Gewalt. Der Spiegel portraitierte sie, zitierte ein Flugblatt von ihr: „Schweine […] seien die primären Opfer faschistoider Wortwahl. Sensible Schweine müßten herhalten, die Immoralität von Nazi-Schergen und Massenmördern, Kinderschändern und Vergewaltigern auszudrücken, gar zu verschärfen.“ Das würde ein Klima schaffen, in dem es in Ordnung erscheint, Tiere zu schlachten. Nun ist sie dabei, mit ihrer Sprache ein Klima zu schaffen, das dazu führt, dass Veganer—im besten Fall—verlacht werden. Es sind die Fälle oben, die hängen bleiben. Nicht die Argumente.

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In den nächsten Tagen bekommen sowohl PETA Deutschland als auch Animal Peace die Gelegenheit, sich umfassend zu äußern. Wir werden die beiden Interviews, die geführt worden sind, in voller Länge veröffentlichen. 

Themen:Animal Peace, Cecile, Cluas-Brunner, Harald Ullmann, Massentierhaltung, PETA, Silke Ruthenberg, Stierkampf, Tierrecht, Veganismus, Vegetarismus

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