Nachlese zur Rache des Bullen – Interview mit Silke Ruthenberg

„Ich bin der Sündenbock für  die Niederlagen und das Sterben der Bauernzunft“

Teil1

Vor vier Wochen, am 7.1.2015, wurde bei Köln ein Landwirt von einem Bullen getötet. Eine kleine Notiz von Silke Ruthenberg auf Viva-Vegan.info führte zu einer enormen medialen Resonanz und einer überwältigenden Hasswelle von Baunern und auch Tierschützern gegen die alleinerziehende Mutter. Diese nimmt nun hier in einem ausführlichen Interview Stellung und erörtert den Vorfall aus ihrer Sicht. Das Interview führte D. Rauh und K. Kosubek

 

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Nachlese zur Rache des Bullen – Interview mit Silke Ruthenberg, die alles angezettelt hat

 

Viva-Vegan: Deine kleine Notiz zur Rache des Bullen hat in den Mainstream-Medien und in den sozialen Netzwerken hohe Wellen geschlagen. Von der BILD bis zu einer halbseitigen Reportage in der Süddeutschen Zeitung mischten alle mit. Sogar im Ausland wurde berichtet. Einige Fragen stehen weiterhin offen, die wir Dir nun gern stellen möchten. Persönliche. Aber auch inhaltliche Kritikpunkte.

 

Silke: Nur zu!

 

Zunächst eine persönliche Frage, die viele beschäftigt, die die Sache verfolgen und mitbekommen, mit welchem Hass speziell du persönlich für Dein Eintreten für die Rache des Bullen überschüttet wirst.

 

Ja, das ist schon bemerkenswert. Die führen sich ja so auf, als hätten wir Bauern geköpft. Gerade hat der Papst sich für das würdevolle Schlagen von Kindern ausgesprochen. Ich frage mich, ob er auch so viele Vergewaltigungsandrohungen bekommen hat wie ich. Immerhin riecht diese Äußerung nach einem Aufruf zur Straftat. Ich dachte ja erst, die Bemerkung wäre zynisch. Aber nein. Der Franz war völlig eindeutig. Mir hat man was untergeschoben.

 

Vergewaltigungsandrohungen bekommen ja wohl eher Frauen und weniger Päpste….

 

Ist das nicht ungerecht? Ich finde, das diskriminiert Päpste. Ich werde ihm vielleicht ein paar abgeben. Habe genug davon und wäre zum Teilen bereit. Das war ja der Inhalt etwa jeder zweiten Mail an uns.

 

Die veröffentlichen Mails spotten ja jeder Beschreibung und davon habt ihr hunderte, ja, tausende bekommen. Und Du sitzt da alleine mit dem Kind und musst das aushalten. Jetzt machen sich viele Sorgen und äußern ihr Entsetzen. Sogar Landwirte distanzieren sich öffentlich.

 

Naja. So halbklaviert. Die Bauern bleiben relativiert. Ich sei ja auch nicht besser. Klingt nach diesem Gebrabbel von der Frau, die sich hätte keinen Minirock anziehen dürfen, wenn sie nicht vergewaltigt werden wollte. Alter fauler Soziopathentrick, nichts weiter. Man schiebt ein Faktum aus den Niederungen menschlicher Psychologie einer moralischen Debatte unter. Deskriptive Ethik soll Verwirrung stiften, nichts weiter. Aber was will man erwarten?

 

Wie meinst Du das?

 

Der Umstand, dass ich diese reizenden Mails herausgefordert habe, ist ja ein nicht zu leugnender Umstand. Das ist eine nüchterne Beschreibung der Realität. Niemand hätte mich verwünscht, bedroht, beleidigt ohne meinen Artikel zur Rache des Bullen. Es ist auch nichts Einzigartiges in unserer Zeit, wenn auch vielleicht außergewöhnlich massiv. Jemand macht eine provokante politische Äußerung jenseits des Mainstreams und wird dafür zur Zielscheibe massenhafter persönlicher Angriffe. Das sagt etwas aus über den Zustand unserer Demokratie. Sie ist im Bewußtsein nicht mehr vorhanden. Das ist Tyrannei des Mobs. Marx hat Recht gehabt. Wir haben die Herrschaft des Proletariats. Recht hat nicht der mit den stärkeren Argumenten, richtig liegt die Mehrheit. Ich muss sagen: da habe ich ein anderes Verständnis von Demokratie. Diese ganze Angelegenheit entehrt ja auch die Massendemonstrationen für Pressefreiheit. Was soll man davon noch halten, wenn die nächste klitzekleine Bewährungsprobe bereits nicht bestanden wird?

 

Weil sie damit nur zum Ausdruck bringt, dass Pressefreiheit nur für die eigene Meinung gelten soll und nicht für die andere Ansicht? Im Widerspruch zu Voltaire, der meinte: Ich verachte Ihre Meinung, aber ich werde mein Leben geben, dass Sie sie sagen dürfen?

 

Genau. Das ist die Idee von Meinungsfreiheit, das ist Demokratie. Aber in unserem Fall soll die andere Meinung unterdrückt werden mit einer hinterhältigen Denunziation, die persönliche Angriffe als Selbstverteidigung legitimieren soll. Auf so etwas fällt doch kein gescheiter Mensch rein. Es ist nur eine Waffe, um auf den Gegner losgehen zu können.

 

Und die wird dann zur Legitimation der persönlichen Angriffe auf Dich verwendet. Selber schuld, sozusagen.

 

Man will verwirren. Die Leute sind sich ja nicht zu schade, so zu kommentieren unter einem psychopathischen Hasspamphlet gegen ein Kind. Das sagt ja über den Verfasser noch mehr aus, als über den Charakter des wütenden Pamphletschreibers. Die Kommentare sind aus kühlem Verstand geschrieben, nicht aus einem Affekt.

Fakt ist doch der: den unterirdischen Zustand unserer Diskussionskultur in Form von Terror der Masse gegen den Außenseiter in eine Moraldebatte zu bringen ist ein Ablenkungsmanöver. Es ist ein völlig anderes Prisma, das da nichts verloren hat. Und ich frage mich auch: wo bleibt denn dieser psychologische Blickwinkel bei der Bewertung meiner Notiz? Da höre ich gar nichts und ich habe die Ohren extrem gespitzt. Kein Mensch sagt: Die muss so schreiben, schließlich steht sie auf der Seite des Bullen? Deshalb sage ich: die pseudodistanzierenden Landwirte wollen uns veräppeln und ihren Ruf retten, um dann erneut zuzustechen. Die distanzieren sich gar nicht. Die tun nur so. Die sind eigentlich schlimmer wie die Schreiber der Hasspamphlete, sie reißen sich nur besser zusammen. Unehrlich, feige und genauso böse.

 

Du klingst recht forsch und abgeklärt. Aber so ein Shitstorm muss doch an die Nieren gehen.  Wie geht es Dir damit?

 

Ich sitze hier in freudiger Erwartung, dass sich der Bauernverband endlich öffentlich distanziert von den Folgen der Denunziation, die er angezettelt hat. Und vor allem, dass die Presse auch in meinem Fall Sitte und Anstand  verteidigt, wenn sie schon auf ein Hirngespinst so willig anspringt. Bis jetzt ist noch nichts geschehen, aber ich habe ja nicht so ein hinterhältig schlechtes Menschenbild wie die andere Seite und bin voller Hoffnung und Erwartung.

 

Du spottest?

 

Natürlich spotte ich. Ich bin doch nicht naiv. Da wird nichts kommen, und wenn wir jedes einzelne Pamphlet veröffentlichen würden. Das ist strukturell begründet. Das hat mit unserer Gesellschaft zu tun, die prinzipiell eine Tätergesellschaft ist. Auch unsere Diskussionskultur liegt danieder, überall darf nur der Pöbel toben und sich ausdrücken. Volkes Stimme ist gefragt. Zum Glück sind viele Leute ja doch schlauer, als der Eindruck erweckt wird.

 

Wirst Du die Leute anzeigen, die dich bedrohen und beleidigen?

 

Nein. Ich bin nie persönlich geworden, werde nichts persönlich nehmen und diese Haltung werde ich beibehalten, weil ich damit meinem Stil treu bleibe. Aber es steht natürlich jedem Leser frei, die Angelegenheit der Staatsanwaltschaft zur Kenntnis zu bringen. Auch anonym. Bedrohung ist ein Offizialsdelikt, die Staatsanwalt muss ermitteln, wenn sie Kenntnis darüber erlangt und auch dann, wenn ich mich gar nicht bedroht fühle. Dies zu tun ist staatsbürgerliches gutes Recht und mit keinen Pflichten verbunden.

 

Lass uns noch mal auf Dich zurückkommen. Wie geht es Dir persönlich damit?

 

Niemand muss sich Sorgen machen. Meinem Sohn und mir geht es bestens. Es war mir wirklich ein großes Vergnügen und dieses enorme Potential an Bösartigkeit und Dummheit, das die Angelegenheit entblößt hat, hat mich sehr inspiriert. So heuchlerisch wie bisher wir es nicht mehr weitergehen können. Und mir ist übrigens auch unerwartet viel Menschlichkeit begegnet. Ich habe einen Glücksbringer geschenkt bekommen, man hat mir Schutz und Obhut angeboten, ich habe großartigen Zuspruch bekommen. Das hat mich alles sehr gefreut. Das sind echte menschliche Gesten. Auch für diejenigen, für alle, die so leiden an dieser feigen, kulturlosen, verheuchelten Welt möchte ich Haltung bewahren. Und ja, uns geht es gut.

 

Das kann man kaum glauben…

 

Ist ja auch nur für mein Kind und mich wirklich wichtig und die Menschen, die uns lieben. Ich habe in meinem Leben bereits einen solchen Abgrund an menschlichen Niederungen erlebt, da war dieser Shitstorm ein echtes Freizeitvergnügen.

Es ist ja auch so: als es sich anbahnte, hätte ich es ja abwenden können, indem ich meine Idee, meine Überzeugung verraten hätte.

Das geht schon mal gar nicht. Erstens: ich verrate meine Überzeugung nicht, ich verrate die Tiere nicht. Zweitens: wo kommen wir denn da hin, wenn jeder, der eine Überzeugung hat, aufgrund eines sich anbahnenden Shitstorms den Schwanz einzieht und seine Überzeugung preisgibt? Das wäre ja das Ende jeder Kultur. Da ist man in der Pflicht, aufrecht zu bleiben. Da zählt die Überzeugung mehr als die persönlichen Befindlichkeiten. Es ist ein bisschen her, da habe ich mit Aljoscha „Die Brüder Löwenherz“ von Astrid Lindgren gelesen und da steht ein Satz, der uns beeindruckt hat: Manchmal muss man Dinge tun, sonst ist man kein Mensch, sondern nur ein Häuflein Dreck.

 

Dafür muss man aber stark sein. Was gibt Dir die Stärke?

 

Ein geschätzter Politiker der Zeitgeschichte hat vor nicht allzu langer Zeit gesagt, dass die tiefe Überzeugung, im Recht zu sein, einem alle Stärke der Welt verleiht. Es ist nämlich keine Frage von Stärke. Es ist eine Frage von Überzeugung. Es ist auch eine Frage von Gewissen. Wenn man ein reines Gewissen hat, eine hehere Gesinnung, dann verleiht das auch Kraft und Mut. Ich bin im tiefsten Herzen überzeugt, dass sich die Welt für die anderen Tiere zum Positiven ändern wird, wenn nur genügend Leute wirklich mit ganzem Herzen an ihrer Seite stehen.  Man stelle sich vor, wenn alle Tierrechtler nach dieser Vorlage gerufen hätten: „Ich stehe an der Seite des Bullen, der sich wehrt. Je suis Bulle!“ Was wäre das für ein Donnerschlag gewesen? Statt dessen können insbesondere die Funktionäre gar nicht schnell genug auf die Täterseite laufen. Traurig. Umso wichtiger, dass sich die Tiere wehren. Auf solche Beschützer können sie verzichten. Die taugen nichts in ihrer Selbstverliebtheit.

 

Zu den Tierrechtlern kommen wir noch. Aber hier sitzt auch Aljoscha, Dein Sohn. Hallo Aljoscha, wie geht es Dir?

 

Aljoscha: Gut.

 

War viel Aufregung in den letzten zwei Wochen, gell? Oder hast Du davon nicht so viel mitbekommen?

 

Aljoscha: Wenn ich in der Schule war, habe ich natürlich nichts mitbekommen. Aber ich hab dann mitbekommen, wie Mami ewige Zeit mit den Leuten von den Zeitungen geredet hat und dann ist ihr mein Pfannkuchen angebrannt. Und ihre Statements hat sie mir vorgelesen, weil sie wissen wollte, ob ich das verstehe.

 

Und, hast Du sie verstanden?

 

Logisch. Die waren doch glasklar logisch. Ich weiß gar nicht, warum die so herumspinnen? Das versteht doch jeder. Die Mami hat genau erklärt, wie ihr Text gemeint ist. Wer das nicht versteht, der will nur ihr was Böses.

 

Wie spinnen die denn rum?

 

Die haben die Mami bedroht. Aber ich werde sie beschützen.

 

Hat Dir die Bedrohung Angst gemacht?

 

Am Anfang schon ein bisschen. Ich will ja auf keinen Fall, dass die Mami bedroht wird. Aber Mami hat mir gleich erklärt, dass diese Leute viel mehr Angst haben, weil sie in ihrem Denken bedroht werden und das hat die Mami gemacht und nun flippen die halt ein bisschen aus, aber das ist normal.

Dann habe ich keine Angst mehr gehabt und wir haben immer viel gelacht und Spaß gehabt.

 

Also Dir geht es gut?

 

Hab ich schon gesagt. Ich bin auch sehr stolz auf die Mami. Die ist viel mutiger als die Väter von manchen Freunden. Die hätten bestimmt alle den Schwanz eingezwickt. Aber nicht die Mami. Und das finde ich gut. Der Bulle ist doch so einsam und keiner steht zu ihm. Aber die Mami steht zu ihm und ich auch. Beim Bauern stehen doch Tausende, der braucht uns doch nicht. Ich finde es wichtig, dass man Schwache beschützt. Der Bulle hat sich doch nur gewehrt, weil seinen 70 Frauen seine Kinder andauernd entführt wurden und er zuschauen musste und nichts tun konnte. Da hat er die Faxen dicke gehabt. Das muss man doch verstehen können. Hätte er ewig zuschauen sollen bei all dem Unrecht und Leid?

 

Silke, Du hast ja wirklich einen tapferen Sohn. War er wirklich so cool?

 

Hätte er Angst bekommen und geweint, hätte ich hier nicht so in die Bresche springen können. Da ist man ja gefordert und muss das nächstliegende tun. Anfangs musste ich mich natürlich ins Zeug legen und mit ihm einen Schnellkurs in Sachen Abwehr vom Pöbelaufstand absolvieren. Sowas ist er ja nicht gewöhnt, hier geht es liebevoll und respektvoll zu. Aber es ist ja doch so, dass es die Gefühle sind, die ansteckend sind. Wenn die Alten Angst haben und hysterisch werden, so werden es die Kinder auch. Es liegt an mir. Wenn ich mich sicher fühle, so fühlt er sich auch sicher.

 

Du hast Dich immer sicher gefühlt?

 

Natürlich. Das ist Drohkulisse. Ein Kommentkampf. Da muss man nicht darauf hereinfallen. Ich bin ja wirklich nie persönlich geworden, das läge mir fern. Das wissen die Bauern doch auf, ich finde es nicht in Ordnung, sie böser zu machen als sie sind. Ich bin der Sündenbock für alle ihre Niederlagen und das Sterben der Zunft, mehr ist das doch nicht. Rügenwalder macht nun auch Veggiewürste, es geht dahin mit dem Leben auf den Knochen der Tiere. Viel zu langsam natürlich, aber unaufhaltsam. Und die Botschaft vom Bullen, der sich wert, ist weiterer Landgewinn für die Sache der Tiere. Die haben die Gefahr darin schon erkannt, viel besser, als die Partner im eigenen Lager. Wenn sie nun an mir verbal ihr Mütchen kühlen, sei es ihnen vergönnt. Ich kam ihnen halt gelegen. Und womöglich kratzt es auch ein bisschen an der Männerehre, wenn eine Frau nicht in die Knie geht, wenn Männer poltern. Bevor sie mit Mistgabeln Enten aufspießen und die angeketteten Kühe treten, ist das nun wirklich die bessere Alternative, Dampf abzulassen. Ich nehme ihnen nichts übel.

 

Aber trotzdem. Sich in einen solchen Feuersturm zu begeben mit einem Kind macht sicher nicht jede Mutter.

 

Sicher nicht. Aber wie Du siehst: wir stehen hier so  aufrecht wie eh und je. Ich habe es bereits gesagt: ich habe Erfahrungen mit Soziopathen. Ich kenne die Methoden, wie sich der Abschaum Bahn bricht. Da bin ich Fachfrau.

Ich habe die Situation nicht gesucht, dass diese kleine, schnellgestrickte Meldung eine solche Welle auslöst, war nicht abzusehen. Aber dann war sie da und ich habe Aljoscha den aufrechten Gang vorgelebt. Ich finde das wichtig. Auch das war mir wichtig. Ich möchte meinem Kind Haltung vorleben und wo sollte er es sonst lernen? Was soll ein Kind lernen, wenn die Eltern bei jedem Gegenwind gleich einknicken? So haben wir Jonathan Löwenherz gespielt. Das sind kostbare Erfahrungen. Da hat Aljoscha für sein ganzes Leben gelernt. Der weiß jetzt nicht nur, dass ein Hassprediger etwas Böses ist, der weiß auch, warum und wie der arbeitet. Da hat er nun einen Bildungsvorsprung. Dafür bin ich dankbar.

 

Noch eine Frage zu den Hassmails. Warum habt ihr sie auf Facebook veröffentlicht?

 

Zur Dokumentation. Es ist sehr, sehr wichtig, dass der Soziopath mit seiner Schandtat öffentlich gemacht wird, das scheut er nämlich, das fürchtet er. Auch deshalb ist die Wut so groß. Man muss wissen, wie sich das Böse zum Durchbruch verhilft in einer Welt, die doch eigentlich das Gute will.

Es ist ja auch beeindruckend, was dieser Artikel ausgelöst hat. Ich traue ja prinzipiell allen alles zu, aber soviel hätte ich jetzt nicht erwartet. Diese Leistung muss auch ihre Würdigung erfahren.

Mir geht es aber vor allem um den Nachweis, dass die Debatte um meinen Artikel auf der Ebene einer Stilfrage eine Scheindebatte ist. Ein Ablenkungsmanöver. Das Bild von einer Münchener Mutti, die sich über den Tod eines Bauern lustig macht, findet enormen medialen Widerhall. Aber Vergewaltigungsaufrufe und sogar solch psychopathische Hasspamphlete gegen ein Kind, wie wir sie auf Facebook publik gemacht haben, jucken niemanden. Keine Anrufe der medialen Sittenwächter beim Schützenkönig. Keine Schlagzeilen in der BILD: Verbalgewalttätiger Bauernaufstand gegen alleinerziehende Mutter und ihr Kind. Oder so ähnlich. Nein. Schweigen im Blätterwald. Wie will man da noch behaupten, es ginge um Sitte und Anstand? Es geht nicht um Sitte und Anstand. Es geht um ganz andere Dinge. Ich möchte das nicht nur behaupten, ich will es bloßlegen und nachweisen. Es ist mir ein Anliegen, die Aufmerksamkeit dahingehend zu nutzen, tiefer zu gehen und diese unerträgliche oberflächliche Ebene zu verlassen. Dass alle etwas mitnehmen können. Die Tiere haben es verdient.

 

Noch eine Frage zur Berichterstattung. Hat der Tierschutz Schaden genommen?

 

In meinen Augen hat der Bauernverband für uns unfreiwillig die allerbeste Pressearbeit gemacht. Er hat den Artikel ja erst zur Popularität verholfen. Und die Medienberichterstattung war phantastisch. Man darf das nur nicht aus dem Blickwinkel eines Buchhalters betrachten. Das Bild vom Bullen als handelndes Subjekt, das sich Unrecht nicht gefallen lässt, ist in Millionen Köpfen gelandet. Was will man mehr? Einige Journalisten, mit denen ich gesprochen habe, konnten ihre Begeisterung kaum zurückhalten. Die haben alle viel mehr begriffen als die Funktionäre der Partnerverbände. Die Art der Berichterstattung adelt die Haltung, die zum Bullen steht trotz des Gegenwinds. Hier wird Moral nicht allgemeinen Anstandsregeln untergeordnet. Der Bulle hat gewonnen. Das macht mich froh. Dafür opfere ich gern meinen schlechten Ruf bei Kleingeistern.

 

 

„Chapeau – wieder ein Kidnapper weniger! Nur ein kalter Bauer ist ein guter Bauer“

Teil2

Du sprachst davon, dass du den Shitstorm hättest frühzeitig noch abwenden können, wenn Du eingelenkt hättest. Warum hast Du nicht klein beigegeben?

 

Ich hatte keine Lust. Ich war hochgradig unmotiviert. Wo kommen wir denn da hin, wenn sich jeder entschuldigt für seine Überzeugung, nur, weil sie dem politischen Gegner nicht passt? Ich habe in der ganzen Zeit nicht ein einziges vernünftiges und tragfähiges Argument gehört. Da wollen mich Leute belehren, indem sie mich völlig argumentfrei abstempeln, ich sei menschenverachtend. Wie größenwahnsinnig muss man sein, zu glauben, dass allein in einer Meinungsäußerung eine Überzeugungskraft liegt? Da braucht es schon ein bisschen mehr. Nämlich Begründungen. Starke Argumente. Wir leben in einer Demokratie, und wenn das nicht schon längst zu einer Phrase verkommen ist, so kann man erwarten, dass eine andere politische Meinung ausgehalten wird. Wenn sie mir nicht passt, so kann ich dagegen argumentieren. Aber nein, es wird nur verurteilt.

 

Sind die verletzten Gefühle und die Empörung über Deinen Artikel „Die Rache des Bullen“ nicht auch eine Art Argument, mal in sich zu gehen und zu überlegen, etwas falsch gemacht zu haben?

 

Das wird ja immer schöner. Ich soll in mich gehen, weil ich bedroht und beleidigt und verunglimpft werde mit einem falschem Verdacht? Die vorgebrachten tausendfachen Morddrohungen, Vergewaltigungsandrohungen, Verwünschungen und Beleidigungen sollen überzeugen? Das ist grotesk! Nein, das Spektakel sollte einschüchtern, seine Überzeugungskraft liegt in der Drohkulisse, die aufgebaut wurde.

Für mich hat das aber keine Überzeugungskraft, dass meine Haltung falsch ist. Das hat man ja gerade erst öffentlich auf höchster politischer Ebene kapiert: Unter Folter kommt nicht die Wahrheit raus, sondern nur das, was man hören will.

Das Ganze zeugt von einer wahrlich unterirdischen Diskussionskultur: Drohung und Missbilligung statt Argumente. Nein, das sehe ich gar nicht ein, dass mich das nachdenklich machen sollte. Wir sind doch nicht unter Idioten und Barbaren! Vielleicht hätte man es ja mal mit überzeugenden Argumenten versuchen sollen. Dafür bin ich immer sehr empfänglich.

 

Die Bauern waren verletzt.

 

Tja, ich frage ich gerade, ob man jemanden seelisch verletzen kann, wenn man ihn gar nicht kennt? Seelische Verletzungen benötigen ein Nähe, ein Vertrauensverhältnis, überhaupt ein Verhältnis, um entstehen zu können. Doch die Bauern und ich, wir haben nichts miteinander zu tun. Aber wo wir gerade bei Verletzungen sind: Die Bauern haben angefangen. Die misshandeln und foltern Tiere und verkaufen die Ausgelieferten an ihre Henker, das verletzt mich auch, raubt mir den Schlaf, quält mich. Und nicht nur mich. Millionen von Tierfreunden tut es körperlich weh, wenn sie nur an die Sau im Kastenstand denken oder an die weinende Mutterkuh, der das baby geraubt wird. Und das ist für uns alle, die mit Empathie geschlagen sind, ein Dauerzustand. Also hört das Heulen auf, sonst werden wir uns mal im Selbstmitleid suhlen. Bei uns steht größerer Druck dahinter, da bin ich mir sicher.

 

Ist die Verhöhnung des toten Bauern nicht doch ethisch fragwürdig? Das wurde schließlich als Argument vorgebracht. Taugt es nichts?

 

Wenn sie nur geschehen wäre. Hätte ich die Absicht gehabt, den zu Tode gekommenen Bauern zu verhöhnen und meiner Schadenfreude einen Ablauf zu verschaffen, so hätte ich die Meldung anders verfasst. Man darf mir die sprachliche Geschicklichkeit schon zutrauen, dass ich dafür die passenden Worte gefunden hätte. Und man darf mir auch getrost zutrauen, dass ich dafür auch den Arsch in der Hose hätte und die Gradlinigkeit dafür. Ich drücke mich immer eindeutig aus. Man unterstellt mir, ich wolle subtil eine andere Botschaft verbreiten als die formulierte. Das beleidigt mich. Hätte ich den toten Bauer oder Bauern insgesamt verhöhnen wollen, so hätte ich getextet:

Chapeau – wieder ein Kidnapper weniger!

Nur ein kalter Bauer ist ein guter Bauer

Hab´ ich aber nicht geschrieben. Dafür gab es nicht die leiseste Intention. Und ich sage Dir: hätte ich es so geschrieben, hätte es niemand interessiert! Das ist ja das eigentlich Tragische. Das ist vulgäres RTL2-Niveau, das ist kein Aufreger. Ein Aufreger ist die Konfrontation mit Dingen, die es in unserer Gesellschaft kaum mehr gibt und aus der öffentlichen Wahrnehmung herausgemobbt wurden: Werte und Haltung. Die Vorstellung vom Bullen als handelndes Subjekt mit eigenen Vorstellungen von einem richtigen Leben, der sich wehrt gegen die Übergriffigkeit des Menschen ist der Wert. Das will man aber nicht hören, weil es das eingefahrenes Denken bedroht. Rühre meinen Dünkel nicht an. Finger weg von meinen Vorurteilen.

 

Vielleicht ist es tatsächlich vor allem Deine Standhaftigkeit als Frau. Dass Du nicht zurückgewichen bist, als der Shitstorm aufbrandete. Wer macht das schon – als Frau?

 

Noch nie von Amazonen gehört? Quatsch, das war die Haltung. Die Standhaftigkeit an sich. Es ist doch so: Dass viele nicht aufmerksam lesen und aus ihrem engen idiologiegesteuerten Blickwinkel fehlinterpretieren, ist nichts Neues. Deshalb habe ich mir ja die Mühe gemacht, in einem Statement die Notiz zu erklären. Missverständnisse müssen geklärt werden. Das war die Haltung. Ich habe den ersten Shitstorm auf eine Sachebene geführt, nun hätte eine Sachdiskussion beginnen können. Aber von wegen. Dann war erst richtig Stimmung in der Bude!

Natürlich muss man mir nicht glauben, was ich versichere, aber wenn man mir nicht glaubt, muss man mir dann schon nachweisen, dass ich lüge. Hat man aber nicht. Man ist wie vernagelt weiter auf dem Vorurteil herumgeritten. Da merkt ja auch der Dümmste, dass der Grund für die Empörung vorgeschoben ist.

 

Du meinst, der Shitstorm war kein Ausdruck von Empörung, sondern ein Machtkampf gegen den Inhalt?

 

Genau. Es ist eindeutig: man produziert einen Shitstorm, um mich zum Einlenken zu bewegen und den Wert vom Tisch zu bekommen. Aber ich bleibe stur. Also vergrößert man den Druck. Wahrscheinlich haben die ja auch gedacht: so eine Mutti machen wir leicht fertig. Die wird schnell einknicken und klein beigeben, um dem Druck zu entkommen, und ihre Gesinnung verraten. Damit ist die Gesinnung vom Tisch. – Hat man so gedacht. Zum Glück lebe ich ja nicht zu Kepplers Zeiten, trotzdem ist es leider so, dass die meisten Menschen so ein geballte Wut nicht aushalten. Doch bei mir war man halt an der falschen Adresse. Ehrlich gesagt habe auch gerufen: lasst dicke Männer um mich sein! Und der Ruf blieb nicht ungehört. Nun gut, es waren dann nur zwei dünne, aber die haben die Großteil der Vergewaltigungsandrohungen in Empfang genommen. Kurz und gut: Mutti blieb stur. Damit haben die nicht gerechnet und deshalb ist der bauernschlaue Plan nach hinten losgegangen.

 

Jetzt sag mal ehrlich, Silke: Freust Du Dich, wenn ein Bauer stirbt?

 

Diese Frage ist mit Verlaub dumm und unverschämt. Sie ist irreführend und vor allem völlig unerheblich. Ich werde sie deshalb nicht beantworten.

 

Warum?

 

Dumm, weil die Antwort darauf vom Leser nicht objektiv überprüft werden kann. Egal, was ich antworte, kann es nur geglaubt werden oder eben auch nicht. Deshalb führt sie zu nichts als zu einem Eindruck dessen, was die Leute über mich denken und diese begeben sich je nach Einschätzung in den Verdacht, entweder gutgläubig oder bösartig zu sein. Wer mir diese bescheuerte Frage stellt, will mich in eine Falle locken: Sage ich „Ja“ bin ich eine Persona non grata, sage ich „Nein“, stehe ich als verlogener Feigling da.  Ich würde da zwar die erste Variante bevorzugen, aber erpicht bin ich darauf  nicht.

 

Ok. Aber unverschämt war die Frage nicht gemeint.

 

Sie ist aber unverschämt, weil meine Gefühle meine Privatangelegenheit sind. Und ich belästige mit meinen Gefühlen nicht die ganzen Welt.

Ich teile sie in meinem privaten Umfeld, das mich so gut kennt, um sie auch einordnen zu können und für das meine Gefühle wichtig ist. Meine Gefühle gehen niemanden nichts an. Mein Freude über den Tod des Bauern ist nicht nennenswert.

 

Aber warum sollte die Frage irreführend und unerheblich sein?

 

Es ist eine Finte, ein Ablenkungsmanöver. Leider sind die Partner im Tierrecht in Heerscharen darauf reingefallen. Sie sind auf den Leim gegangen. Es geht bei meiner Notiz zur Rache des Bullen nicht um mich, es geht um eine Aussage. Es geht um den inhaltlichen Kern der Aussage: Das Bild von einem Bullen, der sich wehrt. Das Bild vom Bullen als Subjekt mit einer Vorstellung von einem richtigen Leben.

 

Vielleicht haben sich die Kritiker einfach nur selbst getäuscht, sich geirrt. Ein Mißverständnis? 

 

War es Dummheit, trotz der Klarstellung weiter das dumpfe Vorurteil vom menschenhassenden Tierfreund zu reiten? Ganz sicher nicht. Das war das Betreiben einer politischen Agitation. Und es war eine Botschaft: wer die Überzeugung vertritt, dass Tiere fühlen und denken können, an dem statuieren wir hier ein Exempel. Diese Gangart haben allerdings nicht die Bauern erfunden, die ist im politischen Leben Usus. Der politische Gegner wird durch öffentliche Einschüchterung mitsamt seinen Gesinnungsgenossen eingeschüchtert und mundtot gemacht. Lasst es Euch allen eine Lehre sein.

 

Aber die Medien und die Leute haben sich genau daran hochgezogen. Warum sollten sie es tun, wenn es nicht genau darum geht? Um Deine Gefühle, um Deine Schadenfreude?

 

Welch himmlische Chuzpe, mir jetzt über eine Frage eine Unterstellung unterzuschieben, der längst widersprochen wurde und die mit nichts belegt ist, nur mit diesem feindseligen Vorurteil. Hier läuft doch ein ganz anderes Spiel. Es geht überhaupt nicht um meinen emotionalen Zustand beim Verfassen! Bei einer politischen Äußerung geht es nie um die Zustand des Stammhirns des Verfassers. Wen jucken denn die Gefühle einer Münchener Mutti? Das ist doch lächerlich. Kein Mensch interessiert sich für meine Gefühle. Jetzt braucht man doch nun wirklich nicht so tun, als ob.

 

Wenn es nicht um die emotionalen Zustände einer Münchner Mutti geht, um was geht es denn?

 

Das sind psychologische und strategische Gründe. Es gibt die beiden Positionen: Auf der einen Seite die Überzeugung, dass die anderen Arten unter uns stehen, rechtlos sind und zu unserer Verfügung stehen. Dass sie Fremdzweckwesen sind. Dazu gehört auch die Überzeugung, dass wir den Tieren aus unserer Menschlichkeit heraus kein unnötiges Leid zufügen.

Auf der anderen Seite steht die Überzeugung, dass die anderen Tiere wie wir fühlen und denken können und deshalb jedes einzelne Individuum ein Recht auf sein Leben hat, auf ein freies und selbstbestimmtes und unversehrtes Leben. Weil das für jedes einzelnes Individuum von existenzieller Bedeutung ist.

Ich werde nun persönlich diskreditiert, um von der inhaltlichen Botschaft abzulenken und die kommt in der Notiz schonungslos wie sonst nie zum Ausdruck. Es ist etwas anderes als Kritik an Haltungsbedingungen. Der Bulle kommt auf Augenhöhe daherspaziert. Ich vermute, dass die treibenden Kräfte der Bauernkampagne die Brisanz bewusst oder unbewusst genau gewittert haben. Es ist eine gefährliche Aussage, sie bedroht den Wesenskern ihrer Ideologie. Von dieser Aussage soll abgelenkt werden, indem man den Vertreter der Aussage diskreditiert. Das ist keine neue Idee. Das ist primitive Politik. Man erlebt sie überall.

 

Damit wären wir bei den psychologischen Gründen?

 

Man will partout nicht über den Bullen sprechen und über seine Gefühle. Was empfindet jemand, dessen Frauen jedes Jahr das Kind geraubt wird nach der Geburt? Es sind ja doch auch seine Kinder? Hat ein Bulle Grund zur Rache?  Gibt es überhaupt Rache bei Tieren? Es ist die große Schuld, die nicht erkennen will und verzweifelt Themen drumherum sucht, um dieser Frage ausweichen zu können und die Antworten nicht hören will. Denn die Antwort ist eindeutig. Jeder Psychologiedozent müsste jetzt eigentlich einen Luftsprung machen bei einer so glasklaren Abwehrreaktion einer drohenden schmerzhaften Erkenntnis. Welch ein Anschauungsmaterial!

 

Du meinst also, das Über-Ich macht Probleme?

 

Was auch immer. Ich glaube ja vor allem, dass etwas Probleme macht, was es in unserer Gesellschaft kaum mehr gibt: Werte und Haltung. Die doppelbödige Moral, für sich in Anspruch zu nehmen, was man anderen Arten nicht gönnt, ist argumentativ nicht haltbar. Also braucht es andere Wege der Abwehr. Machtstrategische.

Die gesellschaftliche Debatte über Moralfragen wird über ein Regelwerk des richtigen Miteinanders betrieben und angeführt. Ethische Fragen arbeitet man an einem Verhaltens-Knigge ab. Paragraf 3: du sollst grüßen, wenn Dir die Nachbarin begegnet, Paragraf 4, du sollst bei Tisch nicht furzen. Alles unglaublich wichtige Anstandsregeln. Unwichtig dabei, dass auf dem Teller auf dem Tisch der Körper eines Folteropfers liegt. Unwichtig, dass die Nachbarin die Skalps von Verbrechensopfern spazieren trägt. Die Notiz vom Bullen soll über Verhaltenskodexe abgearbeitet werden, obwohl sie ganz andere Fragen aufwirft. Da sage ich ganz klar: Solange ihr Folteropfer esst, werde ich bei Tisch furzen. Solange ihr Skalps von Besiegten tragt, werde ich nicht grüßen. Erst kommt das Existentielle. Dann kommt der Anstand.

 

Mein hat Dich in der Debatte teilweise als psychopathischen Tierrechtsmaschine wahrgenommen, die das Leid der Familie nicht wahrnehmen kann.

 

Schon interessant, wie Leute es sich zutrauen, anhand von einigen Zeilen auf meine Persönlichkeit schließen zu können. Das schafft kein Fachmann. Hätte ich mich auf Nebenschauplätze ablenken lassen, so wäre es Verrat gewesen. Verrat an der Idee des Tierrechts, Verrat am Bullen. Es geht nicht um mich. Ich bin hier Partei. Wie ein Anwalt seinen Mandanten vertrete ich die Sache der anderen Tiere. Meine Rolle verpflichtet mich. Alles andere wäre Mandantenverrat.

 

Vielleicht wäre ein bisschen menschliche Regung auch der Sache dienlich gewesen…

 

Es hätte nur abgelenkt. Nur weil ich über Umstände nicht spreche, heißt es nicht, dass ich sie nicht sehe. Mir ging es auch um die Botschaft, dass ein Bulle es wert ist, sich so für ihn einzusetzen, dass sogar der eigene Ruf ramponiert wird. Ich habe mir mit dem Notiz eine politische Botschaft gesendet, zu der ich nach wie vor unerschütterlich stehe. Und es ist meine Haltung, dass ich als Mensch zu den anderen Tiere halte. Weil es sonst niemand tut. Die brauchen Solidarität am allernötigsten. Ich möchte mir nicht mit Solidarität gesellschaftliche Anerkennung verschaffen, ich möchte loyal sein dort, wo Loyalität am dringendsten gebraucht wird. Und das war das Ziel.  Jedes Nachgeben hätte die Sache des Tiere verraten. Es wäre Kollaboration mit dem Feind. Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.

 

Du hättest der Familie des Bauern vielleicht Dein Beileid aussprechen können?!

 

Mal im Ernst: ich gehe davon aus, dass die Familie des zu Tode gekommenen Bauern auf Beileidsbekundungen meinerseits gern verzichten kann. Wer bin ich, als dass das einen Wert haben könnte? Einen menschlichen Wert, meine ich! Diese öffentliche Erwartungshaltung würde es ohnehin zu einer Karrikatur werden lassen und sowas sollte man doch aus Respektsgründen aus ganzer Seele machen. Aber es hätte immer den Geruch von Selbstinszenierung. Das würde ich der Familie des Bauern und auhc mir selbst ersparen wollen, sie hat mir nichts getan. Ich erinnere mich sehr gut, wie sich der Vater des entführten und ermordeten Jakob von Metzler Beileidsbekundungen von Hinz und Kunz verbat. Das hat mich sehr beeindruckt. Das war eine Haltung, die keine Heuchelei zuliess.

Aber das Ganze ist ohnehin vorgeschoben. Es geht nur darum: Man erwartet von mir einen Gang nach Canossa in Büßerhemd. Der wird nicht erfolgen. Weil es keinen Grund gibt.

 

Dann frage ich mal anders: Darf man sich freuen, wenn ein Bauer durch den Angriff eines Bullen stirbt?

 

Selbstverständlich. Die Gefühle sind frei. Alle Gefühle sind erlaubt, sie sind Teil unserer Persönlichkeit, sie sind Ausdruck der Persönlichkeit, der Wahrnehmung und der Verarbeitung von Eindrücken. Sie gehen nur mich etwas an und allenfalls mein enges privates Umfeld, um mit mir leidlich auszukommen. Daraus ein moralisches Thema zu machen, deformiert die menschliche Psyche und zwingt zur puren Heuchelei. Gefühle kann man nicht vorschreiben. Sie sind wertfrei, weil sie nicht kontrollierbar sind. Man kann sie nicht erzwingen und nicht unterdrücken. Kontrollierbar ist allenfalls das, was wir daraus machen. Was ist gewonnen, wenn man die Äußerung von Gefühlen verbietet? Heuchelei und Lug und Trug! Die moralische Frage beginnt nicht beim Gefühl, sie beginnt bei der Handlung.

 

Also ist es richtig, sich zu freuen, wenn ein Bauer stirbt – durch ein Tier, durch seinen Bullen?

 

Hier wird ein psychologisches Phänomen zu einer moralischen Frage verbogen. Es ist aber einzig nur ein psychologisches Phänomen und in sich wertfrei. Es hat etwas mit Identifikation zu tun. Von der Identifikation mit einem Opfer bis zum Wunsch nach Vergeltung, nach Rache und ausgleichender Gerechtigkeit, ist es nur ein Schritt. Viele Menschen versuchen, dem schmerzhaften Mitgefühl mit einem Opfer über den Weg, den Täter zu hassen, einen Ablauf zu verschaffen.  Erinnere Dich, als Marianne Bachmaier den mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter im Gerichtssaal erschoss. Wer will ihr ernsthaft den Hass auf den Mörder ihrer Tochter vorwerfen, der zur Tat führte? Die moralische Frage, das Vorwerfbare, liegt einzig in der Tathandlung. Nicht das Gefühl ist moralisch oder unmoralisch, sondern das, was man daraus macht. Genauso ist es mit dem Bauern, der von Berufs wegen Müttern ihre Kinder kidnappt. Von der Identifikation mit den Betroffenen ist der Hass auf den Täter nur noch ein einziger Schritt. Es ist nicht zwingend, aber es liegt nah.

Stell Dir mal vor, Natascha Kampusch hätte sich aufraffen können, in einem günstigen Moment ihrem Entführer das Brotmesser zwischen die Rippen zu stechen? Würde man ihr das ernsthaft zum Vorwurf machen? Würde man ernsthaft jemandem zum Vorwurf machen, wenn er diesen Akt der Befreiung begrüßen würde?

In unserem Fall heißt das: Die moralische Frage ist nicht, ob Silke Ruthenberg sich freut, dass ein Bauer zu Tode gekommen ist? Die moralische Frage lautet: darf man den Tod eines Bauern instrumentalisieren für eine politische Botschaft.

 

Und. Darf man?

 

 

„Das Image der Tierschützer kann mich mal!“

Teil3

Und? Darf man den Tod eines Bauern instrumentalisieren für eine politische Botschaft?

 

Allein die Zeitungsmeldung über den Todesfall ist bereits eine Instrumentalisierung. Durch die Medien, um Leser und deren Aufmerksamkeit zu gerieren. Sind wirtschaftliche Gründe ehrenwerter als politische?

Also die Frage ist nicht mit Ja oder Nein zu beantworten. Aus juristischer Sicht wird das geklärt werden zur Zufriedenheit oder Unzufriedenheit der jeweiligen Überzeugung. Aus meiner Sicht ist es juristisch legitim.

Man staunt ja schon, dass gerade mal zwei Wochen, nachdem Millionen Menschen für Pressefreiheit auf die Straßen gingen, so eine Diskussion hochkocht. Immerhin haben die Karikaturen von Charlie Hebdo Millionen Muslime in ihrer religiösen Identität verletzt. Das verstehe sogar ich, die ich religiöse Gefühle nicht kenne. Aber die Idee ist eben, dass die freie Meinungsäußerung und die Pressefreiheit hohe und verteidigungswürdige Güter einer aufgeklärten Gesellschaft sind.

Da ist nicht meine eigene fixe Idee. Wir haben das Urteil des Verfassungsgerichts, das vor 20 Jahren bereits feststellte, dass man Soldaten als Mörder bezeichnen darf. Der Spruch hat übrigens ebenfalls literarischen Bezug, er ist von Kurt Tucholsky. Unser Vordenker ist Elias Canetti.

Man muss diese Bewertung nicht teilen, aber sie muss gesagt werden dürfen. Es ist ein legaler Ausdruck der Missbilligung einer Handlung, einer Rolle. Das ist bei der Bewertung „Bauern sind Sklavenhalter“ vergleichbar. Ich sagte es bereits: die Notiz „Ein Bulle nimmt Rache“ ist politisch und nicht persönlich, der Landwirt wurde nicht einmal mit Namen erwähnt, die politische Botschaft wurde über eine aktuelle Pressemeldung transportiert. Für mich sind eher die kritischen Reaktionen rechtlich bedenkenswert.

 

Wie meinst Du das?

 

Mir zu unterstellen, ich hätte das Andenken eines Verstorbenen verunglimpft, ist eine Vorverurteilung. Ich könnte jederzeit gerichtlich einen Unterlassungsanspruch durchsetzen. Es gilt die Unschuldsvermutung bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung. Es ist strafbar, so etwas zu behaupten, es ist eine Üble Nachrede bzw. sogar eine öffentliche Verleumdung. Mittlerweile ist die Diskussion wohl schon im Bundestag angekommen. Die stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, Gitta Connemann, soll geäussert haben, dass die rechtlichen Grenzen überschritten seien. Was maßt sie sich an? Hat sie die Gewaltenteilung nicht verstanden?  Kein Gericht hat das bisher festgestellt. Sie unterstellt mir einen strafrechtlichen Verstoß, obwohl dieser nicht von den dafür zuständigen Stellen festgestellt wurde. Sie hat die Regeln nicht eingehalten. Aber mit dem Figer auf mich zeigen. Das geht gar nicht!

 

Bist Du verärgert, dass Dich der Bauernverband angezeigt hat?

 

Natürlich nicht. Das ist ein völlig zivilisierter Umgang mit einem Umstand, durch den man seine Rechte verletzt sieht. So sieht es der Rechtsstaat vor. Ich finde das eine gute Idee. Wie es ausgeht müssen wir abwarten und letztlich akzeptieren. Vor Gericht und auf hoher See ist man ja in Gottes Hand. Ich gehe wirklich davon aus, dass das Gericht die Notiz für rechtlich zulässig hält. Ich fände es auch über mein Anliegen hinaus wichtig, dass diese Feststellung getroffen wird, da ich Meinungs- und Pressefreiheit für ein hohes Gut halte und ich meine Idee nicht in der Ecke von Holocaustleugnern gedrängt sehen will. Da hat sie nichts verloren. Das wäre tragisch. Aber wie gesagt: es ist kaum vorstellbar, dass es soweit kommen wird. Und vor allem: bisher ist es noch nicht dazu gehommen und solange darf niemand behaupten, ich hätte das Andenken eines Verstorbenen verunglimpft.

 

Mich würde jetzt noch die moralische Frage interessieren, also die moralische Frage jenseits von Recht und Gesetz.

 

Das hat ja schon Kant nachgewiesen, dass der Legalismus als ethisches Prinzip nichts taugt. Wie ginge es hier zu, wnen wir uns alle nur noch an Gesetze halten würden, das wäre kein schönes und angenehmes Miteinander mehr. Aus herrschender Sicht war der Artikel vielleicht pietätlos. Diese Sicht teile ich. Noch pietätloser, nämlich rücksichtslos ist es, in Rage mit dem Artikel zu einer trauernden Familie zu rennen, um sie damit zu belästigen, um daraus eine Kampagne gegen den politischen Gegner zu stricken. Das haben die Bauern getan. Nicht ich.

 

Ist das nicht ein bisschen Schuldverschiebung?

 

Ich werfe dem Bauernverband die Rücksichtslosigkeit nicht ernsthaft vor. Das ist deren Verantwortungsbereich, wie sie mit Leuten aus den eigenen Reihen umgehen. Die Diskussion ist ohnehin heuchlerisch. Politik ist überall pietätlos. Jeden Tag. Das ist traurig und unmoralisch, aber es ist so. Opfer werden immer und überall für eine politische Mission benutzt. In der großen und in der kleinen Politik. Durch den Tabubruch nimmt die Zielverfolgung an Fahrt auf. Es funktioniert immer. Es rechtfertigt sich durch seinen Erfolg. Es ist schmutzig, aber wirkungsvoll. Ich habe den Verdacht, dass man uns dazu bringen will, anständiger als unsere politischen Gegner zu sein. Ich glaube, wir werden es nicht fertigbringen, je so unanständig wie unsere politischen Widersacher zu sein, auch wenn wir uns mit guten Gründen größte Mühe geben.

 

Du gibst also zu, dass Dein Artikel schmutzige Politik ist?

 

Wenn Du es so ausdrücken willst. Es ist die Verfolgung von existentiellen Interessen der anderen Tiere mit schärferen Methoden. Jetzt willst Du sicher wissen, warum ich solche anrüchigen Methoden anwende. Ganz einfach: ich bin so frei. Ich bin so frei, es zu tun, weil ich an die Wirksamkeit glaube.

Und wenn mein Ruf dabei Schaden nimmt, dann ist mir das egal. Wie erbärmlich stünde ich da, wo täglich Millionen fühlender und denkender Individuen zur Schlachtbank getrieben werden und ich jammere um meinen Ruf? Da ist es verwerflich, auch nur einen einzigen Gedanken an seine eigenen lächerlichen Befindlichkeiten zu verschwenden. Ich meine ja auch: wer Müttern die Kinder raubt und das zu seiner Existenzgrundlage macht, hat Hornhaut auf der Seele und wird ein bisschen Pietätsverletzung aushalten können. Und da ist noch etwas!

 

Und das wäre?

 

Bauern stehen doch für die Idee von der Unterwerfung der anderen Tiere durch den Menschen. Ihre Ideologie ist: das Tier ist Objekt, ich darf darüber verfügen. Viehwirtschaft ist diese Ideologie in die Tat umgesetzt. Der Landwirt ist damit im Rahmen seiner Ideologie zu Tode gekommen. In den Augen der Kollegen müsste er ein Märtyrer sein, unsere Notiz ehrt ihn diesbezüglich als Feind, der für die Idee der Unterwerfung der Tiere gestorben ist. Unsere Notiz ist aus diesem Blickwinkel sogar eine Ehrerbietung. Keinesfalls eine Verhöhnung.

Aber das Ganze ist ohnehin nur ein Signal: wagt es nicht, Euer Anliegen vom Recht der Tiere wirkungsvoll zu platzieren. Ihr dürft nur Zucchinispaghetti. Dann haben wir Euch auch lieb, denn dann seid ihr ungefährlich und schafft bestenfalls neue Märkte.

Also bitte: sollen uns unsere politischen Widersacher beibringen, was wir tun und was wir lassen sollen? Meine Antwort: Niemals!

 

Ist der Pietätsbruch notwendig für das politische Anliegen? Darf ein gutes Anliegen mit unanständigen Methoden durchgesetzt werden? Beschädigt das nicht das Ansehen?

 

Es ist weder ehrenwert noch vornehm und charaktervoll. Aber es wirkt nunmal. Und es wird überall angewendet und meistens für egoistische und habgierige Ziele. Die Legitimation ist die Wirksamkeit.

Und ausgerechnet eine Bewegung, die für die rechtlosesten und verfolgtesten  Mitglieder dieser Gesellschaft eintritt, soll sich in ihrem politischen Handeln eisern an Stilfragen orientieren und sich damit die politische Schlagkraft nehmen lassen? Und diejenigen, die ihre wirtschaftlichen Interessen verfolgen, sollen es weiterhin dürfen? Weil die ja sowieso verkommen sind? Dass ich nicht lache! Was die Tiere betrifft, so geht es um die existentiellen Interessen von Milliarden fühlender und denkender Individuen. Der Anstand darf Platz nehmen, wenn die existentiellen Fragen geklärt sind. Anders gesagt: wenn Bauern aufhören,  Müttern ihre Kinder wegzunehmen, die Ausgelieferten an Ketten hängen, in Stehsärge sperren und an ihre Henker verkaufen, dann werden wir uns nur zu gern die Regeln des Anstands einhalten. Aber keinen Tag früher.

 

Der Zweck heiligt die Mittel?

 

Nein. Die Methode wird nicht durch das Ziel legitim. Aber es spielt angesichts des Problems eine völlig untergeordnete Rolle. Und schau doch, mit welchen Methoden die Seite der Tierausnutzer arbeitet. Da macht man sich lächerlich, wenn man eitel darüber wacht, nur ja keine Grenzen zu übertreten. Da beweist man nur seine Dummheit, sich so in seiner Handlungsfreiheit beschneiden zu lassen.

Unsere Botschaft ist angekommen und der Bauernverband hat sie in alle Welt getragen. Und nun rumort sie im Unterbewusstsein, während man sich moralisch wichtig tut. Wir haben eine moralische Botschaft über das Vehikel eines Stilbruchs in die Welt gebracht. Von mir aus stehe ich nun mit beschädigten Ruf da, als Charakterlump. Das ist mir aber egal. Über mich könnt ihr denken, was ihr wollt. Aber der Bulle hat eine Ehrung erfahren. Das zählt. Und nur das.

 

Man könnte es Dir aber ankreiden, dass Du dem politischen Gegner Munition geliefet hast, die Bewegung zu spalten? Die Erwartungshaltung der Lobby geht ja nun dahin, die „seriösen“ Verbände eine Distanzierung von ANIMAL PEACE abzuverlangen, um weiter mit ihnen zusammenarbeiten zu können.

 

Wer so dumm ist, dem politischen Gegner hierbei gefällig zu sein, um mit ihm weitere Mordssiegel für Leichenteile auszuhecken, dem ist auch nicht mehr zu helfen. Das Wort Seriösität in diesem Zusammenhang ist absurd. Wer sich in diese Falle locken lässt und es als erstrebenswertes Ziel der Tierschutzes hält, der Macht die Füße lecken zu dürfen, soll es halt tun. Ich bin diesbezüglich seriös genug, lieber auf der Seite der zweifellos völlig seriösen Tiere zu bleiben, auch an der Seite eines seriösen Bullen, der von seinem Recht auf Notwehr Gebrauch gemacht hat.

 

Ich würde jetzt gerne von den Bauern zu den Tierschützern wechseln und dabei zu denen, die sich distanziert haben.

 

Das ist kein Wechsel. Die Aktion hat offengelegt, dass diese Tierschützer im Boot der Tierverbraucher sitzen und dass deren Eintreten für Tiere ein Etikettenschwindel ist. Darüber bin ich mehr erschüttert als über alle Vergewaltigungsandrohungen zusammengenommen. Sie sollten sich beeilen, aus diesem Boot wieder herauszuklettern und sich öffentlich entschuldigen.

 

Bei Dir?

 

Blödsinn. Beim Bullen natürlich und bei allen anderen Tieren dieser Welt, die sie damit verraten haben. Sie machen sich wichtig und geben vor, ihren Einsatz im Sinne der Tiere zu treiben und dann verraten den Erstbesten, um ihren Ruf nicht zu verlieren. Sie sprechen mit gespaltener Zunge und spielen sich als Anwälte der Tiere auf, und agieren in einem Muster, das Anstandsregeln gegenüber Menschen höher bewertet als Existenz- und Freiheitsrechte von Tieren. Ich würde mich in Grund und Boden schämen, wenn mir so ein Fehler passieren würde.

 

Wie erklärst Du Dir die Front der Gleichgesinnten?

 

Ob das Gleichgesinnte sind, wage ich mal zu bezweifeln, nachdem vor allem die Funktionäre gar nicht schnell genug auf die Täterseite wechseln konnten. Es ist wirklich tragikomisch, wenn PETA als Sprachrohr des Tierrechts mich der Menschenverachtung bezichtigt, während der Verein höchstpersönlich vom Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte auf den Deckel bekommen hat wegen seiner Benutzung von Holocaustopfern für einen Vergleich. Sie sind offenkundig in Fragen der Menschenwürde nicht bewandert. Ich hingegen bin diesbezüglich völlig unbelastet.

Zur Entlastung kann man sich nur vorstellen, dass PETA trottelig in eine Pressefalle gerannt ist. Es ist ja das Handwerk von Journalisten, das herauszulocken, was sie hören wollen. Bei den vielen engagierten Wasserträgern des Tierrechts würde ich das auch gar nicht so streng sehen. Einem Verband von dieser Größe darf so was aber nicht passieren. Das wäre Idiotie, es wäre unprofessionell. Man muss es erwarten können.

Der Vegetarierbund hat sich geistesgegenwärtig einer Wertung enthalten, seine Position geklärt und auf die freie Meinung verwiesen. Das ist professionell. Es geht also.

Natürlich hätte ich mir den Kampfruf: „Je suis Bulle.“ aus allen Mündern gewünscht. Das wäre genial gewesen. Das wäre eine richtiger Schlag ins Gesicht einer verbrecherischen Gesellschaft gewesen, die auf den Knochen der Tiere lebt. Aber das ist offenkundig zu viel verlangt.

Aber solche Distanzierungen wie von PETA und der Veganen Gesellschaft stehen schon im starken Verdacht, dass die wahren Motive andere sind als die vorgegebenen. So reagiert jemand, dem es um Pfründe geht, so reagiert niemand, dem es um Tiere geht. Wer ein Geschäft machen will, den stört jede Art von echter Politik. Das Werkzeug von Geschäftemacherei ist Heuchelei, ist Schleimerei.

 

Warum bist Du Dir so sicher, dass es nicht um die Tiere geht und der Kampf für die Tiere vorgeschoben wird?

 

Wer sich mit den Tieren identifiziert, weiß um den Schmerz des Mitgefühls und er weiß um die namlose Wut, die einen erfasst, wenn man sieht, was Menschen Tieren antun. Nicht etwa, weil verbitterte Menschenhasser durch die Tierschutzbewegung schleichen. Nein, aus eigener Erfahrung. Wenn die Moral tiefer und weiter geht als die Verhältnisse, dann ist das schmerzhaft. Der Schmerz erwächst aus einem Menschenbild, das höhere Kriterien ansetzt, als es die Menschheit leistet. Wer sich mit Tieren solidarisiert, kennt dieses Gefühl.

Wer andere Motive hat als das Mitgefühl mit Tieren, der kennt das Gefühl nicht. Und wird sich problemlos und reflexhaft dem Mainstreamgefühl anpassen bzw. das sagen, was erwartet wird. Wenn es in erster Linie ums Geschäft geht, um die Generierung von Spenden und Kundschaft, dann ist die Heuchelei das Mittel der Wahl. Es gibt ja viele Gründe, sich für Tiere einzusetzen. Die Tiere sind nur ein Grund davon.

 

So ein hartes Urteil? Vielleicht ist es auch nur Angst? Um gegen den Mainstream anzuschwimmen, braucht es in erster Linie Mut.

 

Mut brauchte Sophie Scholl. Wir nicht. Unsere Angst ist ein Kopfproblem, es ist eine Schere im Kopf, es sind eigene Fantasien. Die Hexenverbrennung ist abgeschafft. Es ist nicht Mut, der nötig ist, sondern die Beherrschung eigener Empfindlichkeiten. Man muss nicht wirklich mutig sein, es genügt bereits, kein Feigling zu sein, kein anbiedernder Kriecher. Und natürlich kein Verräter.

Ich empfinde die distanzierten Reaktionen als einen fatalen Verrat an den Tieren. Meine bitteren Worte, dass die Tiere ihre Angelegenheiten bitte selbst in die Hand nehmen sollen weil auf die Tierschützer kein Verlaß ist, ist bittere Erkenntnis. Aber vielleicht lernen ja manche dazu. Aus dieser Kampagne kann man nämlich einiges mitnehmen, das war eben kein Zucchinispaghettirezept, leichtverdaulich und wenig Kalorien.

 

Vielleicht erklärt sich die Reaktion auch aus der Erfahrung, dass man Vertrauen braucht, um Meinung machen zu können. Und Dein Artikel von der Rache des Bullen ist ein Betrag zur Kontroverse, nicht eine vertrauensbildende Maßnahme. Man will ja Leute gewinnen und nicht vor den Kopf stoßen.

 

Überall lernt man nur von dem, den man liebt, hat auch schon Goethe gemeint. Ich verstehe diese Sorge schon. Aber ich bin kein Lehrer, auch die Partner im Tierrecht sind es nicht. Das wäre anmaßend. Wir haben eine politische Überzeugung, die wir verbreiten wollen und müssen, weil die anderen Tiere ihre Angelegenheiten in absehbarer Zeit nicht lösen können. Dafür gibt es verschiedene Wege und Instrumentarien, die sich im besten Fall gegenseitig zuspielen sollten.

Ich glaube an der Erfolg von konfrontativen Methoden. Ich glaube nicht an Freundlichkeit. Viele werden sich an den spekatulären Prozeß gegen Jörg Kachelmann erinnern. Sein Anwalt ist ungeheuer konfrontativ vorgegangen, war unverschämt und rücksichtslos. Aber er hat das Interesse seines Mandanten erfolgreich durchgesetzt. Der Freispuch wurde als angemessen begrüßt, obwohl niemand von den Außenstehenden die Akten kannte. Der Prozeß war in großen Teilen nichtöffentlich. Ich bin mir sicher: der Freispruch wurde erzieht, weil der Anwalt konfrontativ vorgegangen war. Frechheit siegt. Das ist der Mensch.

 

Es mag aber nicht jedem liegen. Die Szne ist in Teilen ja sehr bürgerlich, die Wert auf sittliche und anständige Umgangsformen lagt.

 

Aber wir müssen doch nicht im Gleichschritt zum selben Takt marschieren! Die Kollegen verstehen das Spiel nicht, sie haben einen Tunnelblick. Ich bin absolut der Überzeugung, dass es verschiedene Wege zum Ziel gibt und geben muss, um in der Sache wirksam zu sein. Und ich bin auch der Überzeugung, dass man den Weg gehen soll und muss, der zu einem selbst passt, denn nur da kann man wirklich gut sein. Was ich hier mache, liegt nicht jedem. Das ist ja auch völlig in Ordnung. Ich dagegen wäre restlos überfordert, lecker aufzukochen und die Leute damit zu bezirzen. Ich kann das gar nicht. Ich bewundere das und ich finde das unbedingt wirksam und wichtig. Aber ist es nicht so: Ich reize die Leute und ärgere sie mit Dingen, die sie ins Mark treffen. Dann laufen sie mit dem inneren Druck zu den Ständen und bekommen in den protestierenden Mund einen leckeren veganen Muffin geschoben. In diesem Spiel bin ich die Böse, die Veganbäcker die Guten. Sie sollten mir dankbar sein, statt mich zu beschimpfen.

 

Kann es nicht sein, dass man doch dem Image der Tierschützer schadet, wenn man so ein dumpfes Vorurteil bedient.

 

Das Image der Tierschützer kann mich mal. Ich bin nicht auf der Welt, um mir irgendeinen Gedanken um Imagepflege zu machen jenseits des Images der Tiere, denn für die ist es eine existentielle Frage. Die Imagefrage stellt sich noch lange nicht. Anhand der Reaktionen von zahlreichen Intellektuellen kann ich schon sehen, dass es für viele eine regelrechte Befreiung war, dass das Tierrecht endlich mal wieder forsch und selbstbewusst vertreten wurde. Es ist doch wirklich nicht so, dass sich alle in diesem heuchlerischen Harmoniesumpf wohlfühlen. Viele ekelt es auch. Ich kenne genug Leute außerhalb der Szene, die Attila Hildmanns Taktik für absolut kontraproduktiv für die Sache halten, weil er eine große Vision mit den allerbilligsten Verkaufsmaschen verknüpft. Er entwertet damit die Idee, er verramscht sie. Politisch denkende Leute mit Werten und mit Haltung stößt dieses Lifestylegetue ab. Intelligente Menschen fühlen sich verschaukelt.

Es war so überfällig, dass mal ein anderer Gang eingelegt wird. Dass wieder auf Konfrontation gesetzt wird. Dass endlich wieder Politik gemacht wird. Sonst wäre der Plan nämlich aufgegangen: man stopft den Kritikern der Tierhaltung und den herrschenden Verhältnissen einfach das Maul mit leckerem Essen, an dem man dann auch noch gut verdienen kann. Und verlangt dann Toleranz. Die existenziellen Rechte der Tiere werden damit eine Angelegenheit des  gönnerhaften Wohlwollens. Ist damit etwas gewonnen? Nein. Eine Idee wurde vom freien Spiel der Kräfte marktstrategisch aufgesaugt. Eine Idee wird zum Markenartikel. Und die Tiere sterben weiter zu Millionen. Und die Szene suhlt sich wohlig in den für sich verbesserten Verhältnissen ihrer Verkostung. Die Szene wurde korrumpiert. So läuft das. Überall. Der Backlash in Form von unzähligen Pelzkrägen, die auf einmal überall auftauchen, ist ein eindeutiges Indiz, dass unsere Freundlichkeit und die Servicemasche der Bewegung ausgenutzt wurde. Da mache ich nicht mit. Und wenn es mir mit der Rache des Bullen gelungen ist, dafür ein Bewusstsein zu schaffen, hat sich der ganze Aufwand doppelt gelohnt.

 

Nun gibt es neben dem Livestyle-Veganismus aber auch Tierschutzkampagnen.

 

Ja, ab und an dürfen die Tierrechtler auch noch die Zustände anprangern, das ist der Raum, den man uns gibt. Vor 20 Jahren wurde man dafür verflucht und verspottet, da kann ich mich noch gut erinnern. Heute wird uns der Hinterkopf dafür gestreichelt, denn darüber sind wir uns ja alle einig: man darf Tiere nicht quälen. Da ist man dagegen. Rezzo Schlauch hat vor wenigen Tagen in der Süddeutschen Zeitung konstatiert, dass die heutigen Demonstranten Mainstreamprotestler sind und damit Demonstrationen ihren Sinn und Zweck verloren haben, will der konfrontative Charakter gegenüber herrschenden Zuständen flöten gegangen ist. Es ist Wohlfühlpolitik. Weil der Gegner mickerig ist. Das beschreibt die Tierrechtspolitik von heute auf den Punkt. Es ist Wohlfühltierschutz. Es gibt keine Entwicklung mehr, weil es kein Ziel mehr gibt, dass man durchsetzen muss. 80% der Bürger sind gegen Massentierhaltung. Und Tierrechtler protestieren gegen Massentierhaltung. Die wissen nicht, was sie reden. Als ginge es in kleinen bäuerlichen Betrieben den Tieren einen Deut besser. Die Bewegung ist zu einem Phänomen geworden. Ja, wir sind alle gegen das Foltern von Tieren. Aber die Tiere werden weiter gemordet. Ein paar kosmetische Änderungen der Verhältnisse werden als Erfolg gefeiert. Das Tier ist Objekt. Wir verhandeln nur das Maß unserer Menschlichkeit und Unmenschlichkeit.

 

Themenwechsel. In einem Facebookbeitrag hat ANIMAL PEACE folgenden Satz gepostet: Wenn Frau Dr. Merkel sich über den Tod von Osama bin Laden freuen darf und ihren Respekt vor dem Vollzug der Todesstrafe an Saddam Hussein zum Ausdruck bringen darf, dann dürfen auch wir unsere Freude und unseren Respekt vor einem Bullen verkünden, der sich wehrt. Es gab dafür Kritik aus den eigenen Reihen. Man argumentiert, dass diese Äußerungen von Frau Merkel überaus fragwürdig seien.

 

Schon wieder wird mit dem Blick des Vorurteils böswillig interpretiert. Man missbillig meine Notiz und mich und deutet dann die nächste Notiz so, dass sie die eigenen Vorurteile bestätigt. Da kann ich wieder nur sagen: wer lesen kann ist klar im Vorteil. Es ging bei der Notiz nicht darum, ob die Äußerung inhaltlich richtig  ist. Ich habe das Wort DÜRFEN verwendet. Mit keinem Wort habe ich eine inhaltliche Gutheißung vorgenommen. Man hätte ja auch erst einmal fragen können: Hey, Silke, meinst Du damit, dass die Äußerungen von der Bundeskanzlerin richtig sind?

Es geht um etwas anderes. Frau Dr. Merkel freut sich über den Tod eines Menschen, immerhin war auch bin Laden ein Mensch. Sie respektiert die Todesstrafe, die hierzulande mit guten Gründen verfassungsrechtlich verboten sind. Hat sie deshalb Vergewaltigungsandrohungen bekommen? Nein. Mit dieser Äußerung wird nur das zweierlei Maß kritisiert, es ist keine inhaltliche Würdigung. Ganz bestimmt nicht.

 

Tierschützer kritisierten Deine Idee, einem Tier so ein niedriges Gefühl wie Rache zu unterstellen. Sie bezweifeln, dass der Bulle sich rächen wollte und halten einen Unfall für wahrscheinlich.

 

Aljoscha: Einen Unfall hat man mit einer Sache, nicht mit einer Person.

 

Niemand weiß es, die Umstände liegen im Dunkeln und werden nie geklärt werden. Niemand weiß, was  hinter der haarigen Stirn des Bullen vorging. Nur der Bulle weiß es oder wusste es. Und der wird nichts sagen. Weder ich, noch all diejenigen, die meinen, Tiere seien zur Rache nicht fähig – weil sie zu dumm sind oder zu gut dafür – wissen, was geschehen ist.

Meine Notiz war ursprünglich gedacht als ein Teaser für ein einen längeren Artikel von mir über Rache bei Tieren. Es gibt faktisch Racheaktionen bei Tieren, bei Elefanten werden sie intensiv wissenschaftlich untersucht. Es geht um Traumatisierung bei Tieren, um das PTBS bei den anderen Arten. Die Spuren im Gehirn sind bei Menschen und zum Beispiel Katzen oder Elefanten gleich. Die Folgen auch. Tier sind weder zu gut noch zu dumm für Rache. Traumatisierung kennt nur drei Wege der Bewältigung: Depression. Erstarrung. Und Angriff. Angriff ist Rache.

 

Du meinst also, dass es im Bereich des Möglichen liegt, dass der Bulle sich gerächt hat.

 

Rache beim Bullen ist wirklich möglich. Aber hätte er ein Motiv? Wenn man davon ausgeht, dass uns alle über Artgrenzen hinweg vergleichbare Gefühle durch das Leben leiten, dann hat der Bulle jeden Grund, den Kidnapper seiner Kinder anzugreifen. Hast Du schon einmal gesehen, wie Moschusochsen bei äußerer Gefahr um ihre Kinder herum einen Schutzwall bilden, Kopf an Kopf? Da sind viele Gefühle im Spiel. Loyalität, Liebe, Wut oder Hass auf den Angreifer, der das Leben und die Integrität der Familie bedroht.

Ich finde es unbedingt wichtig, dass bei der Deutung der Angelegenheit der Fokus darauf gelegt wird, der den Bullen als fühlendes, denkendes Subjekt wahrnimmt. Jeder Kommissar würde bei seinen Ermittlungen ein Motiv für eine vorsätzliche Tötung erkennen. Bei Menschen. Dass dies bei Tieren nicht so gemacht wird, ist eine Spielart der Diskriminierung. In diesem Fall, wo nichts über die Umstände bekannt ist, gehe ich lieber das Risiko eines Irrtums ein, als dass ich den Bullen diskriminiere, indem ich diese Möglchkeit leugne. Ein halbe Jahr vorher hat ein Bulle einen Bauern angegriffen, als der im Begriff war, einer Kuh das Kalb zu rauben. Da war der Zusammenhang offenkundig. Jetzt liegt er im Dunkeln. Aber kein Grund, ihn zu leugnen.

Der Artikel war ja wirklich ein politisches Manifest.

 

Sollte der Bulle vor Gericht gestellt werden?

 

Der Bulle ist wahrscheinlich noch am selben Tag ohne jedes Gerichtsverfahren erschossen worden. Weil man es darf. Weil man den anderen Tiere ihre Rechte aberkannt hat und sich selbst ermächtigt und dieses Prozedere als statthaft ansieht. Als seine Anwältin würde ich natürlich auf Notwehr plädieren.

 

Was hast Du persönlich durch die ganze Aufregung um die Rache des Bullen mitgenommen?

 

Da ist dieses wunderbare Gefühl, das furchtbare Bild vom Veganer als Gutmensch ordentlich beschädigt zu haben. Das ist wirklich ein sehr, sehr gutes Gefühl.

 

Was wünscht du Dir?

 

Ein mutigeres und eindeutiges Bekenntnis der Tierrechtler zu den Tieren. Raus aus den Ärschen der Täter. Das ist unabdingbar für einen politischen Erfolg.

 

Danke, Silke und Aljoscha, für das Interview.

 

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