Doping im Pferdesport – Das Schweigen der Spritzen … (Teil 2)

03.03.2010

Das Schweigen der Spritzen … (Teil 2)

(Unseren Kommentar Teil 1 „Doping im Pferdesport – Zusammenbruch der Elite“ finden Sie im Blog)

Nun geht die endlose Geschichte rund um spritzende Täter weiter.

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Der Skandal um die in Kopenhagen von der FEI (internationale reiterliche Vereinigung) verabschiedete sog. „Progressive List“, die das Doping im Reitsport unauffällig legalisieren soll, hat das mediale Fass zum Überlaufen gebracht.
Die internationalen Nachrichten überschlugen sich. Es war zu erwarten, dass der starke Gegenwind, der dem Reitsport hinsichtlich der vielen Doping-Affären ins Gesicht wehte, für weiteren Sturm sorgen wird. Was nicht zu erwarten war, war die Dreistigkeit und unverhüllte Skrupellosigkeit der reiterlichen Elite, die nun scheinbar offiziell beschloss: Wenn wir weiter mit sportlichen Erfolgen viel Geld verdienen wollen und das Dopingproblem nicht anders in den Griff kriegen, dann erlauben wir es doch einfach mal.

Mit so viel Unverfrorenheit der FEI hatten nicht einmal Vertreter der nationalen Reitsportverbände gerechnet.
Hochrangige Pferdesportvertreter, Fachmedien und Tiermediziner sind entrüstet über den Inhalt der „Progressive list“, die Mitte November 2009 in Kopenhagen verabschiedet wurde. Die FN (deutsche reiterliche Vereinigung) selbst und auch 16 Tierärzte der FEI sprachen sich deutlich gegen diese Verabschiedung aus. Der Präsident der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, Breidow Graf zu Rantzau, drohte sogar, dass es zu einer Abspaltung der europäischen Reiternationen kommen kann, wenn die FEI die Liste durchbringt. Im Kampf gegen Doping schließt die FN demnach einen Boykott der Weltmeisterschaften 2010 in Kentucky nicht mehr aus.

Die FN hatte gerade im letzten Jahr schwer mit einer Dopinglawine zu kämpfen und man stritt sich im Fokus der Öffentlichkeit darüber, wer denn nun schuld sei, dass der Pferdesport ähnlich wie der Radsport international nur noch mit Spritzen in Verbindung gebracht wurde. Dementsprechend ist es nun nahezu unmöglich geworden sich der „Progressive list“ auch nur ansatzweise anzuschliessen. Zu sehr hat der Ruf gelitten, zu sehr bedroht ist die zukünftige Beteiligung der Sponsoren und zu groß der Druck der schockierten Öffentlichkeit als dass man jetzt auch nur einen Millimeter von der sog. „Null-Toleranz-Lösung“ abweichen darf. Ein Umstand, der zu begrüßen ist, auch wenn man der FN und anderen Reitsportvertretern den Tierschutzgedanken dabei wohl weniger abnehmen kann.
Aufgrund des Druckes von Medien, Reitsportverbänden, Medizinern und Tierschutzverbänden gab die FEI dann am 18. Dezember bekannt, dass die „Progressive list“ für das Jahr 2010 erst einmal auf Eis gelegt wird. Der unerwartete Gegenwind hinsichtlich der tierschutzwidrigen Planungen war wohl doch zu groß. Vom Tisch ist sie damit allerdings noch nicht, denn bei der FEI- Jahresversammlung im November 2010 soll dann eine endgültige Entscheidung gefällt werden.
Um zu begreifen, was sich in den oberen Etagen der reiterlichen Vereinigungen tut, braucht es mittlerweile Ausdauer und den festen Willen, sich dem Thema zu nähern. Widersprüchliche Aussagen werden gejagt von Anschuldigungen und Verteidigungsversuchen. Es geht wie immer um Erfolg, Macht, Lobbyistentum und jede Menge Geld. Um die Tiere scheint es nach wie vor nicht zu gehen. Ein Umstand, der uns sicherlich nicht verwundert, aber nicht weniger wütend zurücklässt.

 

Der Inhalt der sogenannten „Progressive list“

 

…ist eine Kriegserklärung für jeden Tierschützer, jeden gesunden Menschenverstand und reine Skrupellosigkeit in Textform. Als wenn es nicht schon Verbrechen genug wäre, dass Pferde im Reitsport mit Gewalt zu gewinnbringendem Sportgeräten degradiert werden, die man leider immer noch unbehelligt nötigen, prügeln und für den Erfolg quälen darf…sollen sie jetzt auch noch mit einem Wunschzettel aus der pharmazeutischen Büchse der Pandora zu mehr Leistung gebracht werden. Und das nicht mehr hinter verschlossenen Türen wie bisher (hat ja wohl nicht mehr funktioniert), sondern ganz öffentlich und selbstverständlich im Rahmen der geltenden Gesetze. Mehr Charakterlosigkeit kann ein sog. Sport nicht mehr zeigen.
Die durch die „Progressive list“ freigegebenen Substanzen sind vor allem Schmerzmittel sowie Entzündungshemmer, deren Nutzung zuvor als Doping galt. In Zukunft dürfen Pferde, die Schmerzen zeigen oder durch Verletzung oder Erkrankung nicht zum Start zugelassen werden würden, schlichtweg „fitgespritzt“ werden. Dass Pferde über keinen deutlichen akustischen Schmerzlaut verfügen, war bisher immer großes Glück für den Reitsport, denn würden Pferde jammern und schreien, wäre der gesamte Pferdesport wie er heute ist sicherlich vor Publikum nicht durchführbar. Nun soll auch der geräuschlos sichtbare Schmerzzustand eines Pferdes mittels erlaubten Dopings endlich der Vergangenheit angehören. Die wachsende Pharmaindustrie sowie alle Nutznießer werden sicherlich wenig dagegen haben, soviel steht fest.

Zwei anschauliche Beispiele aus dem Topf vieler Substanzen, die durch die „Progressive list“ zum Gebrauch freigegeben werden:

Flunixin:
Flunixin gehört zu den nichtsteroidalen Entzündungshemmern. Es wird bei allen Schmerzzuständen, vor allem bei Knochenerkrankungen und starken Schmerzzuständen der Eingeweide verabreicht und besitzt eine entzündungshemmende und fiebersenkende Wirkung.

Phenylbutazon
(Wirkstoff bekannt durch das verbreitete Medikament Equipalazon)
Phenylbutazon hat eine entzündungshemmende und schmerzlindernde Eigenschaft. Es wird als starkes Schmerzmittel u.a. bei Muskel-, Sehnen- und Gelenkserkrankungen/Verletzungen verabreicht.
Der Wirkstoff hat einerseits zwar sehr starke entzündungshemmende und schmerzlindernde Effekte, andererseits aber auch sehr schwere Nebenwirkungen. Es sollte daher nur wenige Tage verabreicht werden.
Phenylbutazon soll bis zu einem Grenzwert von 8 Mikrogramm erlaubt sein. Der Wert liegt damit im Übrigen viermal so hoch wie vor dem gänzlichen Verbot in den 90er Jahren.

 

„Dieses Mittel macht lahme Pferde fit. So etwas verstößt bei uns gegen das Tierschutzgesetz und wird mit einer Geldstrafe geahndet“, sagte der FN-Jurist Joachim Wann gegenüber der Presse.Der Schweizer Tierarzt Dr. Markus Müller bezieht Stellung: „Ein Pferd, das das Schmerzmittel Phenylbutazon braucht, ist nicht ‚fit to compete‘“, also damit nicht wettkampftauglich.
Stolperstein Tierschutzgesetz

In europäischen Ländern gibt es nicht nur vehementen Gegenwind gegen die Verabschiedung in Kopenhagen, der empfindliche Inhalt der Liste wäre auch ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz, nach dem einem Tier keine Leistung abverlangt werden darf, die es ohne Medikamente nicht erbringen kann. Das Tierschutzgesetz, welches im Pferdesport allerdings schon seit Jahrzehnten kaum jemanden mehr zu interessieren scheint, beinhaltet in Deutschland ebenfalls, dass es verboten ist „an einem Tier oder bei sportlichen Wettkämpfen oder ähnlichen Veranstaltungen Maßnahmen, die mit erheblichen Schmerzen, Leiden oder Schäden verbunden sind und die Leistungsfähigkeit von Tieren beeinflussen können, anzuwenden.“ Würde sich jemand daran halten, gäbe es den Spitzensport mit Pferden ohnehin nicht mehr.
Auch die deutschen Tierärzte sind empört. Die Gesellschaft für Pferdemedizin (GPM), ein Verband deutscher Tierärzte lehnt die Liste vehement ab. Der Beruf-Ethos würde empfindlich in Frage gestellt, wenn ein Tierarzt ein Pferd wettkampftauglich spritzen soll.

Der Sportchef des größten internationalen Turniers CHIO (Aachen), Frank Kempermann, äusserte sich ebenfalls gegenüber der Presse: „Ich weiß nicht, wie ich den Pferdesport noch in der Öffentlichkeit verkaufen soll.“ Eine gute Frage, da auch die ersten Sponsoren reiterlicher Großveranstaltungen auf deutschem und internationalem Parkett entsetzt reagiert haben und über einen Rückzug aus dem Pferdesport nachdenken.

 

Der IJRC ( Club internationaler Springreiter)

Im Kampf der Mächte des Pferdesportgeschehens machte der IJRC deutlich, dass sich die Mehrzahl der Elite-Springreiter für die „Progessive list“ aussprechen.
Das, liebe Elitereiter, wundert uns selbstverständlich nicht. Haben wir doch viele der Clubmitglieder bereits eher als Dopingsünder und Pferdeprügler mit selbstgestricktem Heiligenschein in Erinnerung als das man von erfolgreichen Sportlern sprechen dürfte. Die ehrgeizige Verbindung von Macht, Erfolg und mehr Verdienstmöglichkeiten spricht natürlich eine deutliche Sprache. Es würde auch keiner darauf kommen, dass ein Drogendealer nicht ebenfalls „Ja“ zur Legalisierung von harten Drogen schreien würde.

„Wir Reiter folgen weitgehend der umstrittenen Liste“, berichtete Ijrc-Vizepräsident Ludger Beerbaum dem Sport-Informations-Dienst. Auch nicht verwunderlich, ist Beerbaum doch bereits des Dopings überführt worden …wie viele seiner dopenden Kollegen auch. Weiterhin setzte er 2009 entgegen der Presse „noch einen drauf“ :
„In der Vergangenheit hatte ich die Haltung: Erlaubt ist, was nicht gefunden wird.“
„Im Laufe der Jahre habe ich mich darin eingerichtet, auszuschöpfen, was geht.“
Weiterhin gab Beerbaum an, dass seine Pferde „Sportgeräte“ seien und er nun mal keinen „Streichelzoo“ betreibe.

Schon 1994 fiel Ludger Beerbaum erstmalig öffentlich auf, als gegen ihn eine Anzeige wegen „Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz“ lief. Über Monate solle er einem kranken Pferd Schmerzmittel verabreicht haben, um es turniertauglich zu halten. Jedes Mittel scheint recht, um die Tiere wie beliebig belastbare Sportgeräte einzusetzen…ob nun Barren, Prügeln oder auch die chemische Keule.
So wundert es uns auch nicht im Geringsten, dass ein international bekannter Veterinär-Tierarzt namens Vet. Dr. Leo De Backer sog. Sportler wie Beerbaum bei der Befürwortung der „Progressive list“ unterstützt. Der Herr scheint auf eine langjährige sowie sicherlich einträgliche Karriere im Bereich der chemischen Keulen im Pferdesport zurückzublicken.
„Ich habe einen Kofferraum voller Medikamente“, behauptet der belgische Veterinär Leo De Backer bereits im Jahre 1994, „die keiner nachweisen kann.“
Er ist nach wie vor Nutznießer des großen Pferdesportes, verdient sein Geld als Chef-Veterinär auf dem Gestüt Zangersheide (Belgien), auf dem leistungsorientiert sog. Spitzenpferde gezüchtet werden. Embryotranfers und mittlerweile geklonte, im Labor entwickelte Pferde (u.a. Abkömmlinge von ET oder auch Ratina / Olympiapferd unter Ludger Beerbaum) sind sein Geschäft. Er zeigt sich begeistert von den Retorten-Pferden: „Was sich da getan hat in der Technik und Wissenschaft innerhalb weniger Jahre, ist unglaublich. Klonen ist auch im Pferdesport nicht mehr weg zu denken oder weg zu diskutieren.“ meinte der Belgier entgegen der Presse. Wir wundern uns demnach nicht, Dr. Leo de Backer, dass Sie sich für die „Progressive list“ engagieren.

Wir möchten diesen kleinen Einblick in die andauernde Doping-Äffäre mit den gleichen Worten abschliessen wie unseren Artikel hinsichtlich des großen Doping-Crash im letzten Jahr:
Ausnahmslos jede Hochleistungsdisziplin im Pferdesport verspricht schlichte Tierquälerei und praktiziert die Abwertung eines Lebewesens zu einem Sportgerät, welches ohne Rücksicht auf Verluste seinem Marktwert entsprechend zu funktionieren hat.

Wir danken den Mitwirkenden des Pferdesport-Zirkus für ihre eigene moralische Demontage und beglückwünschen zur offensichtlichen „Show must go on“- Methode, die wohl leider auch zukünftig anschaulich darstellen wird, was schon längst klar ist:
„ausschöpfen, was geht“…um Herrn Beerbaum die Ehre des letzten Wortes zuteil werden zu lassen.

Es sind ja nur Tiere…


PFERDEHILFE SONNENHOF e.V. 

animal-peace Tierhof

ANIMAL PEACE

Wichtig: Kurz nach Verabschiedung der „Progressive List“ am 19. November 2009, wurde im Internet eine Unterschriften-Petitionsseite gegen die Verabschiedung eröffnet, auf der es deutlich Unterzeichnungen hagelte. Diese wird der FEI übergeben. Wir bitten auch weiterhin um eine Unterstützung dieser Seite. Setzen Sie Ihre Stimme ein gegen erlaubtes Doping im Pferdesport! Reiter haben halt eine (gut bezahlte) Lobby, Pferde nicht ! (Petitions-HP: http://www.no-fei.com)

 

06.09.2009 Kommentar zu einem der unzähligen Dopingfälle im Pferde“sport“

Anlässlich der jahrelangen, zahlreichen und mit Sicherheit im Pferde“sport“ fast üblichen Dopingvorkommen hatten wir unser Statement aus aktuellem Anlass bereits veröffentlicht (siehe „offener Brief“).
Der medienbegleitete Doping-Fall der sog. „Sauberfrau des Dressursportes„, der fünffachen Olympiasiegerin Isabell Werth, hatte für viel Aufsehen und öffentlich inszeniertes Entsetzen gesorgt. Bei ihrem Wallach Whisper war Ende Mai während eines internationalen Turniers in Wiesbaden das für Pferde nicht zugelassene Psychopharmaka Fluphenazin nachgewiesen worden.

Nun ist einige Zeit vergangen und das Urteil wurde bekanntgegeben. Eine äusserst milde Strafe von sechs Monaten Sperre und einem Bußgeld um die tausend Euro aus der Portokasse, danach kann alles seinen geregelten Gang weitergehen. An der einträglichen Marke „Werth“ kann dementsprechend nach der kleinen Verschnaufpause ungehindert weitergearbeitet werden. Werths Sperre endet im Dezember 2009. Was macht da schon zukünftig der kleine Makel einer Dopingstrafe, an die sich bald ohnehin keiner mehr genau erinnern wird und mit dem man sich ja in bester internationaler Gesellschaft vieler erfolgreicher Reiter befindet.

 

In einem Zeitungsbericht (nzz) heisst es:“Auch die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) konnte mit dem Urteil gut leben: «Die Strafe befindet sich im Bereich ähnlich gearteter Fälle. Der Fall ist als Doping klassifiziert. Dies entspricht auch unserem Verständnis, so dass wir das Urteil akzeptieren», sagte FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach.“

In diesem Fall ging es wieder einmal glimpflich aus für die Reiterschaft. Die Geschäfte werden ungehindert weiterlaufen und einem Start bei den nächsten olympischen Spielen steht Nichts im Wege. Wundern braucht einen das Strafmaß wohl weniger, denn erst eine Dopingstrafe von über sechs Monaten bringt nach dem Regeln des IOK (internationales olympisches Komitee) ein Startverbot für die nächsten olympischen Spiele mit sich. Ein Schelm, der dabei Böses denkt.

Es stellt sich letzten Endes die Frage, warum man Doping zukünftig nicht gleich auch offiziell zum Teil des „Sportes“ erklärt und die kleinen wohl notwendigen Strafen terminlich in den Turnier- und Buissnessplan mit einarbeitet. Karrieren können so bestens geplant, abgesichert und verwaltet werden.

Die fast schon regelmäßigen Dopingskandale innerhalb der Reiterelite haben ja bisher mehr als deutlich gemacht, dass im Falle des Erwischtwerdens dem weiteren Aufstieg auf der Karriereleiter nichts Ernsthaftes im Wege steht. Sie reiten alle noch, sie sind erfolgreich und sie werden es Dank eines fahrlässigen, buissnessgeprägten Gesetzesumganges mit Doping auch bleiben. Warum also kleckern, wenn man klotzen (dopen) kann.

In diesem Sinne:

Wir gratulieren…

Reiter haben halt eine (gut bezahlte) Lobby, Pferde nicht !

Pferdehilfe Sonnenhof e.V.

animal-peace Tierhof

ANIMAL PEACE

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