Monatsarchiv: April 1996

Silke Ruthenberg – SPIEGEL SPECIAL 4/1996

01.04.1996

TIERISCHE GIER

SPIEGEL SPECIAL 4/1996

Gewöhnlich beginnt der Tag mit Mord: sechs Dosen „Friskies Gourmet“ zu 400 Gramm, Terrine mit Fisch, „3 Sterne für 4 Pfötchen“. Es könnte auch „Whiskas“ sein oder „Kitekat“.

Silke Ruthenberg, 28, ist die Stunde, als sie sich letztmals an Tierischem verging, unvergessen. Am Silvesterabend 1983, 20 Minuten vor Mitternacht, aß sie ein Raclettekäsebrötchen aus der Milch einer entrechteten Kuh.
Heute ist sie vegan – Vertreterin jener Radikal-Vegetarier, die alles Tierische meiden. Ihren Katzen zuliebe gestattet sie sich die Ausnahme; doch sie schließt nicht aus, daß eine Zeit kommt, da sich selbst Hauskatzen Soja und Grünkern zuführen lassen – statt Rind und Geflügel in stinkiger Sülze.
Der Glaube daran verdünnt das Verbrechen. Denn Fleisch bleibt Mord. Aber solange die 24 Exemplare Europäischen Kurzhaars, jedes mit Name und Impfausweis, ihre Evolution nicht zügiger durchmessen, geht täglich eine Palette Leichenbrei drauf. Blöde Crux, Silke knurrt.
Vegan leben, definiert sie in die Nacht, heiße: jede Ausbeutung von Tieren zu vermeiden, die elementaren Rechte der Tiere auf Leben, Unversehrtheit und Freiheit nicht weniger als die der eigenen Spezies zu respektieren. So.
Es ist halb vier Uhr morgens. Dezember. Silke wäscht sich noch schnell das Haar pH-neutral. Wahrhaft vegan zu leben sei in dieser Welt noch nicht möglich. Guck nur die Shampoos. Da sind zerquetschte Vogelfedern drin, Horn und Huf. L-Cysteinhydrochlorid.
Einzig ihr Hund Dino – halb Hausschwein, halb Fledermaus – wedelt längst auf rein pflanzlicher Stufe, hält sich an Granulat für niereninsuffiziente Haustiere. Silke fand den Dino vor der Haustür, festgezurrt und feige ausgesetzt. Damals weinte er oft, brauchte unheimlich viel Ansprache. Dino pflegt, ebenso wie die Hälfte der Katzenarmee, neben Silke auf dem Kissen zu nächtigen. Deshalb braucht Silke ein breites Bett. Manchmal macht eine Katze ein Bäuerchen, oder so.
Jetzt ist Abfahrt. Silke sitzt am Steuer, Anita neben ihr, Arthur hinten. Anita ist Realschülerin aus Bonn und ganz frisch erst vegan. Arthur, Philosophiestudent, saugt an einer Tüte „granoVita Soja-Drink“. Nordwärts durch die Republik, hinter Waldbröl auf die A 4. Synthetisches an den Füßen, Baumwolle am Leib.
Silke kennt niemanden, der schon länger vegan wäre als sie, Silke ist Verfasserin des ersten und einzigen veganen Kochbuchs in deutscher Sprache. Gewidmet hat sie es, noch vor dem Vorwort, „allen Schweinen, Rindern, Hühnern, Enten, Gänsen, Hasen, Rehen, Bienen, Forellen, Lachsen, Heringen, Thunfischen, Tintenfischen, Hummern, Krebsen und all den anderen Tieren“.
Nicht daß Silke gern kochte. Aber als alle Welt sich wieder und wieder wunderte, wovon sie lebe, verfaßte sie „VivaVegan“ und beschrieb die Herstellung von Thymian-Reisbällchen auf Tomatengemüse oder Kichererbsenpolenta so einladend wie die Kreation von Dattelrhomben und „Veganen Spitzbuben“.
animal-peace-achselschwang-8A 45. Der Radiosender SWF 3 hält „Mini-Elchjagd“, löst Rätsel mit seinen Hörern, und Silke kippt in Wallung. Merkste, dreht sie sich zu Arthur, merkste diese Diffamierung: Elchjagd! Denn Silke Ruthenberg ist auch Erste Vorsitzende von Animal Peace e.V., „behördlich als gemeinnützig und besonders förderungswürdig anerkannt“. Wer vegan ist, ist Tierrechtler. Das macht die Differenz zum tumben Vegetarier.
Vegane verzichten nicht nur auf Fleisch. Sie meiden auch Ei und Milch, Leder, Pelz, Wolle und Honig und Seide, Borste, Sehne, Haar, Darm, Knochen. Ziel und Endzweck von Animal Peace ist die vegane Gesellschaft. Und darin, schimpft die Vorsitzende, hat ein Radio-Unsinn mit dem Titel „Mini-Elchjagd“ keine Berechtigung mehr.
Das Sprachliche ist Silke speziell ans Herz gewachsen, war ihr schon ein eigenes Flugblatt wert. Schweine, tippte Silke nieder, seien die primären Opfer faschistoider Wortwahl. Sensible Schweine müßten herhalten, die Immoralität von Nazi-Schergen und Massenmördern, Kinderschändern und Vergewaltigern auszudrücken, gar zu verschärfen. Und sie geißelte auf ihrem Flugblatt, daß Tiere fressen, werfen, verenden, während Menschen essen, gebären, sterben.
Start der animal-peace Kampagne 1993 bei Zirkus Krone in München bei Der Kampf um die Befreiung der Tiere, erschrickt Silke die schlafende Anita, fange mit der Befreiung der Sprache von tierverachtenden Elementen an.
Anita, 16, fährt zum erstenmal mit. Muttchen hatte zwar opponiert: Nicht ohne BH und Unterhose! Aber Anita hatte so lange auf sie eingeredet, bis Muttchen einsah, Anita könne, wenn sie hüllenlos durch Straßen lärme, kaum Schändliches widerfahren, zumal die Erste Vorsitzende an der Seite des Kindes sei. Weil: Heute ist Nacktaktion in Hamburg. Noch 300 Kilometer bis dorthin.
Die deutschen Autobahnen sind Silke so vertraut wie die Stimmchen ihrer Katzen in dunkelster Nacht: das Schalmeien von Sly, den sie aus einer Mülltonne rettete; das Zirpen von Hurzel, an dessen Lager sie tagelang wachte, der seinen Schnupfen bis heute nicht losgeworden ist, armes kleines Hurzelein.
Fünf Minuten noch bis zum Rasthof Münsterland. Dort warten Reinhold, Silvie und die andern. 200000 Kilometer nimmt Silke Ruthenberg jedes Jahr unter die Räder des vereinseigenen BMW, silbergrau, 218 Pferdestärken – Pferde als technische Norm, Pferde, ach, sind Fremdzweckwesen.
Sie predigt das vegane Leben aus Profession, telefoniert monatlich für 3000 Mark, schreibt Flugis, bemalt Transpis, instruiert Saboteure, Sabis.
Neulich bei Soest, da ist sie mit ihren Sabis wieder im Feld gewesen, hat sich in die Pirschbahn der Jäger geschlichen und mit Pfeifen getrillert und Hörnern gelärmt, so unvermutet waidgerecht, daß die Herren meinten, sie vernähmen das wirkliche Signal „Jagd vorbei“, und ratlos aus dem Unterholz krochen, kaum hatte die Sause begonnen. Seither übt die subversive Nicola, Aktivistin zu Essen, die überlieferten Weisen der Jägerschaft auf dem passenden Gerät.
Kurz vor sechs ruft Silvie an, Autotelefon. Silvie ist die Dritte Vorsitzende und Ehefrau von Reinhold. Silvie hat drei Kinder und ein Problem. Der Jüngste, fast einjährig, der sich zeit seines Lebens noch nie Tierisches zugeführt hat und sich besser entwickelt als seine älteren Geschwister, jedenfalls anders, bräuchte dringend Lauflernschuhe. Wo aber hernehmen, wenn es doch Lauflernschuhe ohne Lederpartikel in diesem Lande nicht gibt? Silke beruhigt. Dann kauf halt welche. Meinen Segen hast du. Hasi, bis bald.
Manchmal ist auch Reinhold das Hasi, manchmal Stefan oder Henner. Manchmal sind sie Mausi. Hie und da Spatzi. Nee, wehrt Silke, das wertet doch die Tiere nicht ab. Im Gegenteil.
Im zarten Alter bereits geriet Silke auf die vegane Bahn. Fragte einst die Mutter, was sie werden wolle, antwortete sie: was Leidensverminderndes. Denn zuvor, während des Urlaubs in den Dolomiten, war ihr das Böse begegnet.
Ein Eingeborener, vielleicht sechsjährig, hatte ein Kätzchen mir nichts, dir nichts im Plumpsklo versenkt. Dort schrie es um Nahrung und Leben. Mit jeder Bewegung stak es tiefer im Dung.
Doch die Bäuerin, statt das Tier zu retten, sprach: Nun ist’s halt so, schade! Der Spruch der Alten kam Silke schlimmer vor als die Schandtat des Jungen. Und Silke, selber erst fünf, weinte drei Tage und drei Nächte. Heute hängt das Kätzchen schwarz-weiß und holzgerahmt in ihrer Küche.
cache_34887884Mit 13 wurde Silke vegetarisch, mit 17 vegan, mit 26 Erste Vorsitzende von Animal Peace, 25000 zahlende Mitglieder, 300 Aktivisten, 27 Aktionsgruppen, eine Million Mark Jahresumsatz. Sie arbeitet während 120 Stunden in der Woche. Viel Zeit für das süße Leben bleibt nicht, und käme es mal zu einem Kuß, da wäre ihr der eines Fleischfressers erträglicher als der eines Frugivoren, der Tiere einzig deshalb nicht zermalmt, weil ihm Pflanzliches besser bekommt. Non-vegane Vegetarier = Verräter.
Rasthof Münsterland, 6.10 Uhr. Silvie, Reinhold und die andern sitzen bei milchfreiem Kaffee. Arthur zupft eine Karotte aus dem Goretex-Kittel, teilt sie mit Ulf. Wenige Worte, einziges Thema: die Temperatur in Hamburg. Ab Richtung Dammer Berge, minus fünf Grad, ein BMW und zwei Opel Corsa, hinein nach Niedersachsen, Land der Masttierhalter.
Porgiaktion 1995Letzten Sommer hat sich Silke Ruthenberg in ihr Dachzimmer geschlossen, das Schnurren der Katzen im Ohr und die „Jahreszeiten“ von Vivaldi, hat eine Woche lang nachgedacht und den Dingen, die sie umtreiben, Stringenz verpaßt. Folgerichtig besucht die Veganerin weder Zoo noch Delphinarium, amüsiert sich nicht im Zirkus auf Kosten verschleppter Elefanten, sie reitet nicht auf Pferden, lehrt den Papagei nicht „O Tannenbaum“, zwingt keinen Hund zum gereckten Pfoti. Und tut sie dergleichen doch, dann aus Protest.
Dann drapiert sie, wie letztens im Oktober, die Frankfurter Zeil mit toten Hühnern aus einer Legebatterie, kettet sich im Münchner Tierpark Hellabrunn nackt ans Gestänge des isolationsinhaftierten Gorillamännchens Porgy, kauft in Holzminden, als der Ort das hundertjährige Bestehen seines Schlachthofs auf ihm entsprechende Weise begeht, zwei von hundert Schweinen frei, nennt sie fortan Elli und Nelli.
Dann kippt sie Kunstblut vor Pelzgeschäfte, stört Pferderennen und „Stars in der Manege“. Die Zahl der polizeilichen Ermittlungen, die derzeit gegen sie laufen, kennt Silke Ruthenberg nicht. Allein ihr Nacktauftritt in Hellabrunn brachte ihr einen Strafbefehl über 20 Tagessätze a 50 Mark ein.
8.50 Uhr, Hamburger Elbtunnel, voll im Limit, dann weiter, hinein nach Schleswig-Holstein. Silke sieht die Temperaturanzeige, schaudert. Opel ruft BMW. Ob Silke sich an den Rohling erinnere, den sie letzthin, zwar nicht grob, aber immerhin, um den Appetit brachten. War das ein Ulk.
Da saß so ein Schinkenspeckgesicht, Typ Schweinemäster, irgendwo über einem gebratenen Hähnchen. Silke und Reinhold setzten sich zu ihm, Reinhold fing an: Was muß das nur für ein Mensch sein, der ein armes kleines Vögelchen reißt? Silke: Der Herr weiß wohl nicht, was er tut. Aber stör ihn nicht. Denn selig sind die Einfachen im Geiste.
Autobahnabfahrt Quickborn, auf der andern Seite zurück bis zum Rasthof Holmmoor-West, 23 Kilometer hinter Hamburg. Ein roter Mercedes fährt vor, ein Mann darin, mit seinen zwei Töchtern und deren zwei Freundinnen, Aktionsgruppe Pinneberg. Wie viele sind wir denn? Silke zählt. Ziehen sich alle aus? Der Stefan nicht. Der hat das Handy und fotografiert.
Wo ziehen wir uns denn aus? Im Auto, wo sonst? Dann schleicht sich der Konvoi in die Stadt hinein, der ortskundige Mercedes voraus. Telefon: Soll der Arthur sich schon ausziehen? Aber klar, sagt Silke, der Henner auch. Überhaupt alle. Befehl zum Ausziehen.
Schutzlos der Gaffgier ausgeliefert! Silke Rutenberg und Reinhold Kassen für Menschenaffe Porgy in München 1996Silke Ruthenberg vor ihrer siebten Nacktaktion. Immer diese Panik, bevor es losgeht. Daß die Polizei schon lauert. Wie damals in München, als die Tierrechtler im Aufzug von Karstadt die Kleider ablegten und die Cops im Erdgeschoß bereits warteten und sie in Unterbindungsgewahrsam brachten. Gott, wo sind die Pressemappen? Die Pressemappen? Verdammt, die Pressemappen. Telefon an Stefan. Beruhige dich, die Pressemappen liegen im Kofferraum vom Diesel.
Silke, zwischen Anita und Ulf, zieht sich als letzte aus, schnürt, statt der mächtigen Nike Air, leichte Tennisschuhe an die Füße. Klar, selbst in solchen Kunststofftretern steckt Tierisches. Zum Beispiel Knochenmehl im Leim. Schlag nur mal im „Veganissimo“ nach.
„Veganissimo“, ein handliches Werk von 76 Seiten, verzeichnet dem Veganer das Verbotene. Und wo das überall dräut: Eiweiß in Fotofilmen. Zerquetschte Läuse in roten Schnäpsen. Harnsäure in Backwaren. Bibergeil in Räucherstäbchen. Fett in Autoreifen, Kunststoffen, Schmiermitteln. Insektenskelette in Haarfestigern. Milch in Seifen.
Gott, wenigstens ’ne Seife muß man doch haben, dafür gibt’s ja kaum Ersatz. Aber klar doch, Seifen aus Kokosöl. Du spinnst wohl! Wer holt denn die Kokosnüsse von den Palmen? Lauter versklavte, dressierte Affen.
Anita, die Arme vor der Brust, schließt die Augen. Arthur setzt sich die Sonnenbrille auf. Dann wird es ruhig im Fond. He, fragt plötzlich der Vater im roten Mercedes, wo bleiben die hinter uns? Handy her: Stresemannstraße/Ecke was? Wie kommt ihr bloß dahin? Wartet dort, ich hole euch. Silke zittert.
11.40 Uhr. Um 12 Uhr steigt der Widerstand. Morgenpost und Abendblatt, ap, dpa und Reuters warten beim Hauptbahnhof. Und ein Fernsehteam. Silke pflegt zu sagen: Man – vielmehr: mensch – muß seinen Protest multiplizieren. High-noon in der Fußgängerzone.
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Steintorwall, minus drei Grad Celsius. Autotüren schlagen, elf Unbedeckte stürzen sich in die Spitalerstraße, nur Nikolausmützen auf den Köpfen, ein rotes Transpi vor sich: „Lieber nackt als Pelze tragen“. Sie schreien: Hört die Wahrheit, Pelz ist Mord. Pelz – Gewalt. Pelz – Terror. Pelz – Mord.
Bleich traben die Veganer die Straße hinunter. Menschen hören den Lärm, krümmen sich beim Anblick der Gerechten. Vorbei an Deutscher Bank und Mövenpick. Möwen! Nicht daß Silke gern kochte, aber ihr zweites Buch muß dringendst auf den Markt: „Just do it“ wird es heißen, 100 vegane Gerichte für den Küchenmuffel.
Hinüber in die Mönckebergstraße, kurzer kräftiger Halt vor „Frank Meyer-Schuchardt, Internationale Ledermode“. Reinhold krächzt: Tiere! Im Chor setzen alle fort: füh-len! Tie-re lei-den!
Lieber nackt als Pelze tragen !   war mit abstand die erfolreichste animal-peace kampagne
Hinter der Kirche St. Petri warten Mercedes und BMW mit laufenden Motoren. Erste Flocken fallen. Jingle Bells. Der Herr ist nahe.
In ihrem dritten Buch wird Silke Ruthenberg, um dem Veganismus die Bahn zu brechen, sich nicht mehr mit Tofu Stroganoff oder Brennesselsuppe befassen. Der Buchtitel jedenfalls steht schon fest: „Kleine Anleitung zur Sabotage.“
Von Erwin Koch
 
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